Interview: Gunter Dueck über Big Data

Gunter Dueck wurde auf der re:publica 2013 als Godfather der Blogger gefeiert. Im Interview prophezeit er, wie Big Data unsere Gesellschaft verändern wird.

Querdenker Gunter Dueck:
Big Data kann die Gesellschaft verändern

Philosoph, Mathematiker, Superstar der Blogger und Ex-IBM-Datenexperte Gunter Dueck über telefonierende Waschmaschinen, die Zukunft von Big Data und wie die Menschheit sich auf digitale Zeiten einstellen muss.

gdueck

Herr Dueck, Sie waren gerade auf der re:publica in Berlin. Bei den Bloggern sind Sie mit Ihren philosophischen Vorträgen sehr populär.

An einem Tag bin ich ins Hotel zurückgegangen, da sprang plötzlich eine junge Frau aus einem Auto: „Godfather Dueck, wir haben beschlossen, Sie gehen mit uns indisch essen.“ Da wär ich sogar mitgegangen, aber ich hatte schon gegessen.

Ist Ihnen das nicht zu viel, so genannt zu werden?

Naja, die Leute sollten lieber das tun, was in den Büchern steht. Ich predige ja weltverbessernde Dinge, das wäre sehr schick, wenn die Leute das mal umsetzen. Viele neigen dazu zu sagen, ich wäre ihr Superstar oder so. Die meisten Menschen brauchen Vorbilder oder Idole. Die hängen mehr an der Persönlichkeit des Menschen, nicht an dem, was er sagt. Also eben Justin Bieber oder Gunter Dueck. Das hat nicht so viel mit der verstandesmäßigen Erfassung zu tun, es ist mehr die Freude, „mit mir zu sein“.

In Ihrem Vortrag auf der re:publica ging es vor allem um Ihre Theorie vom Ethnozentrismus. Was meinen Sie damit?

Die Leute sollen die Augen aufmachen und die Kulturen besser verstehen. Sie sollten aufhören, die ganze Welt aus ihrer eigenen Sicht zu sehen, besonders Minderheiten wie die Blogger oder Piraten, zu denen ich ja geredet habe. Wenn man die Welt verändern will, muss man auch die anderen verstehen. Dieser Ethnozentrismus ist überhaupt das Grundproblem der Menschheit.

Fördern die sozialen Netze nicht den Ethnozentrismus? Ich bekomme in meinen Social-Media-Kanälen ja nur die Nachrichten, die ich abonniert habe.

Sie können ja auch solche abonnieren, die Stacheln in Sie setzen! Nicht nur jene, die aus der Seele sprechen. Es geht immer um das aristotelische Maß, dass man die Mitte hält. Bei Platon heißt das Sophrosyne. Diese Diskussion haben wir wahrscheinlich auch deswegen, weil das Internet etwas sehr Neues ist und weil es sich auch dauernd ändert.

Sie waren Data Warehouse-Mitgründer bei IBM. Was halten Sie denn von der Diskussion um Big Data?

Das war 1996/97, da hieß das Data Mining. Die Journalisten haben damals immer von dem sprechenden Kühlschrank geträumt, der weiß, was er nachbestellen soll. Das ist bis heute nicht gekommen, das wird auch nicht kommen. Weil ein Kühlschrank das Merkmal Abwechslung nicht kennt. Na er kennt es, aber er bestellt dann nicht gut.

Was halten Sie denn von Google Now, der App, die unsere Aktionen vorauszusehen versucht und uns dementsprechend Vorschläge macht?

Das finde ich total gut. Wenn ich jetzt sage, ich möchte zum Hotel, dann weiß es aus meinen Mails, wo das ist. Meine Frau ist von so etwas sehr beunruhigt. Ich weiß, wie es programmiert ist, ich hab da keine Furcht. Der guckt einfach nur nach, ob das Stichwort Hotel in meinen Mails vorkommt. Mehr ist das eigentlich nicht.

Macht uns das nicht denkfaul?

Also ich sehe die Gefahr ganz woanders, nicht bei Big Data. Die Gefahr ist, dass ganze Berufsgruppen verschwinden. Alles, was wir bei einer normalen Bank machen, geht jetzt über Online-Banking. Was übrig bleibt, ist nur das Schwierige, zum Beispiel eine Hausfinanzierung. Ich glaube, dass die Computer unsere Arbeit fressen. Das bedeutet, dass die Leute, die noch einen vernünftig bezahlten Job haben wollen, immer mehr können müssen als der Computer. Die neu entstehenden Berufe sind für immer höher Intelligente oder Professionelle. Viele Leute haben da Angst, weil es weitgehend auf „Abitur für alle“ hinauslaufen dürfte.

Aber gerade die, die sich mit dieser technischen Welt nicht so auskennen, haben auch die Angst vor Webseiten, die voraussehen, nach was wir suchen.

Ich kann diese Angst schon nachvollziehen. Aber ich hab die selbst nicht, weil ich vielleicht selbst noch diese Cluster-Algorithmen schreiben könnte, die sind relativ dümmlich. Man hat da so eine mystische Vorstellung, wenn man keine Mathematik kann. Aber so schlau ist das nicht.

Das Problem ist, dass ich ja nicht nur für mich persönlich bestelle, auch für Verwandte, Freunde, Kinder. Im Extrem merkt Amazon, dass ich Windeln für Alte und Büstenhalter kaufe. Was denkt da der Computer über mich? Was sieht er voraus? Es ist unheimlich schwer, so eine Statistik zu machen. Wenn Sie sich jetzt für ein neues Handy interessieren, dann surfen sie acht Wochen lang nach Handys. Aber wenn Sie es sich dann kaufen, haben Sie kein Interesse mehr. Das sind so ganz abrupte Brüche im Benehmensprofil, mathematisch macht das beliebige Schwierigkeiten. Man wird nie wirklich den Menschen vorhersehen können, weil er sich nicht so konsistent benimmt. Weil diese ganzen Sonderausnahmen drin sind. Deshalb grinse ich immer nur und sehe den Wissenschaftlern zu. Die nächste Zeit wenigstens noch.

Passt das nicht in Ihre Theorie vom ethnozentrischen Weltbild, wenn wir immer nur das vorgeschlagen bekommen, was wir schon kennen, und nicht das, was uns überraschen und unseren Horizont erweitern würde?

Ach, ich wiederhole: So schlau sind die Algorithmen nicht. Also mir halten sie nur solche Werbung unter die Nase, die mir noch einmal zeigt, was ich früher schon angeschaut habe. Meist habe ich es schon gekauft oder will es nicht. Manche scheinen sich dann doch noch umzuentscheiden… Es ist wie Hinterherlaufen von Verkäufern im Urlaub. Außerdem träumen Sie wohl, dass der Computer echt nachdenkt, was ich mir wünschen könnte. Er zeigt doch aber nur Dinge, für die der Anbieter bezahlt. Fertig. Also werde ich von Zalando verfolgt. Dabei habe nur einmal geschaut, ob es den Schuh noch gibt, den ich trage.

Wo sehen Sie das Potential von Big Data?

In den Naturwissenschaften bringt das schon etwas. Sie können mit Sensoren eine Menge machen. Man wird Big Data benutzen, um Autos automatisch fahren zu lassen. Die tauschen dann die Daten gegenseitig aus, wie zum Beispiel Abstände und regeln auch den Verkehr automatisch. Das kommt demnächst, das ist relativ nah. Die heutigen Sensoren sind so gut, dass fast keine Unfälle mehr passieren. Der einzige Grund, warum es Verkehrstote gibt, ist bald nur noch menschliches Versagen. Da kann man die Autos gleich selbst fahren lassen. Alle Deutschen werden jetzt erschaudern, denn dann braucht man auch keine Privatautos mehr. Alles Taxis! Dann kann man die per Smartphone rufen. Das hätte den Charme, dass man keine parkenden Autos mehr braucht, sondern nur so viele, wie zum Rumfahren gebraucht werden. Das ist höchstens ein Fünftel von dem jetzigen Bestand. Weil ja die meisten Autos immer parken. Ich brauche dann keine Parkplätze und keine Garagen mehr. Big Data kann in dieser Weise dazu führen, dass sich unsere ganze Industriegesellschaft verändert.

Wo kann das noch hinführen?

Man müsste sehr viel mehr Sensoren überall einsetzen, also auch zum Beispiel in das Haus. Das nennt man dann „Internet der Dinge“. Es gibt jetzt Waschmaschinen, Kühlschränke und Trockner von Samsung, mit dem Smartphone System Android. die sind dann schon im Internet!

Und dann kann man mit der Waschmaschine telefonieren?

Genau. Man verbindet sie mit einem Router und dann kann man jedes Gerät von jedem Gerät aus anwählen. Das ist jetzt die nächste Stufe. Samsung greift da in gewisser Weise nach der Weltherrschaft über die Hausgeräte, tippe ich mal, weil Apple da nicht nachziehen kann. Apple produziert eben keine Waschmaschinen. Ich denke, dass Miele, Bosch und Siemens sagen, sie muss nur waschen – Quatsch! Aber das ist so wie der Buchhandel mit dem Kindle – erst lange lachen, dann Tolino – zu spät. Es kann gut sein, dass die deutschen Hersteller sich warm anziehen müssen. Überall, wo riesige Datenmengen entstehen, unterhalten sich die Maschinen miteinander.

Wie sollten die Menschen auf die Neuerungen reagieren?

Es ist immer die Frage: Was tue ich mit der Technik und wie halte ich das Maß? Es gibt immer eine gruselige Variante und eine gute. Ich bin ein Techie, der sich die Menschheit verbessernde Dinge überlegt. Man kann nicht sagen, dass die Technik böse ist, sondern man muss das ethische und regulatorische System dafür finden. Und das muss jetzt relativ zügig passieren. lg

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