Interview: Yakuza-Reporter Jake Adelstein

Jake Adelstein berichtet seit über 20 Jahren in Tokyo über die japanische Mafia. In der Verfilmung seines autobiografischen Romans „Tokyo Vice“ übernimmt Daniel Radcliffe die Rolle des Yakuza-Reporters. Im Interview spricht Adelstein über traditionsbewusste Gangster, die gerne faxen.

Interview mit Yakuza-Reporter
Jake Adelstein zum Mafia-Magazin:
„Sie sehen sich nicht als die Bösen.“

Wenn es um die Yakuza geht, ist er der Experte: Jake Adelstein lebt seit 20 Jahren als Investigativreporter in Tokio. Nun hat diejapanische Mafia ein eigenes Magazin veröffentlicht, in dem sie mit Gedichten und Angel-Reportagen um ihre Reputation kämpft. Was dahinter steckt und warum man einem Yakuza besser ein Fax statt eine E-Mail schreibt – im Interview gewährt der US-Journalist Einblicke in eine filmreife Welt.

Jake Adelstein

Credits: Jake Adelstein

Jake Adelstein kommt aus den USA und lebt seit 20 Jahren in Tokio, wo er als investigativer Journalist die Machenschaften der japanischen Mafia verfolgt. Über seine Arbeit hat er ein Buch geschrieben: „Tokio Vice“. Jetzt wird es mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. THE NARRATIVE will es genauer wissen: Die Nachricht vom neuen Mafia-Magazin ging um die Welt. Jake Adelstein kennt die Details.

Herr Adelstein, was wissen Sie über das neue Magazin der Yakuza?

Eigentlich ist es nur das Magazin der größten Yakuza-Gruppe, der Yamaguchi-gumi. Sie hat über 27 000 Mitglieder. Das Magazin heißt „Yamaguchi-gumi Shinpo“, was so viel heißt wie „Nachrichten der Yamaguchi-gumi“.

Haben Sie es selbst gesehen? Wie sieht es aus?

Ja, ich habe ein Heft gesehen. Ich durfte es aber nur anschauen, nicht behalten. Es ist im Tabloid-Format, mit farbigem Cover und guter Papierqualität. Das Magazin ist auf jeden Fall nicht irgendwo zu Hause ausgedruckt worden, sondern eine hochqualitative Veröffentlichung. Etwa 16 Seiten stark. Auf dem Cover steht: Dies darf niemandem gezeigt werden, der nicht Mitglied bei den Yamaguchi-gumi ist.

Und wer hat es Ihnen gezeigt?

Das ist ein Berufsgeheimnis.

Na gut. Wissen Sie denn, wie oft es erscheinen soll?

Wahrscheinlich vierteljährlich. Ich vermute, dass es verschiedene Versionen davon gibt, für die niederen und die höheren Ränge der Mitglieder, das wäre nicht unüblich. Es gibt einfach bestimmte Dinge, die die Leute unten nicht wissen müssen. Denn es gab schonmal so ein Magazin, vor etwa 20 Jahren. Eigentlich lassen sie nur die alte Tradition wieder aufleben.

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Erinnern Sie sich daran? Was für ein Magazin war das?

Da stand zum Beispiel drin, wer verhaftet wurde oder auch mal ein Artikel, der beleuchtet, wer eigentlich der Böse in einer bestimmten Situation war. Auch Texte über die richtige Etikette und die Bedeutung von Loyalität waren dabei. Hintergründe zu den Werten, dem Ehrenkodex, oder auch mal zu Tattoos ergänzten historische Stücke über die Yakuza.

Seit wann gab es diese Veröffentlichung?

Ich glaube, die Zeitung der Yamaguchi-gumi gab es bestimmt 15 Jahre lang. Auch die drittgrößte Yakuza-Gruppe, die Inagawa-kai, brachten bis letztes Jahr ein vierteljährliches Magazin heraus. Die Matsuba-kai, die etwa 2000 Mitglieder haben, haben auch ihre eigene Zeitung. Also ist dieser Relaunch des eigenen Magazins eine Art Rückkehr zur Tradition, aber auch eine Art, sich der breiten Bevölkerung ins Gedächtnis zu rufen und die Soldaten an ihren Ehrenkodex zu erinnern. Ich denke, das ist etwas verwirrend für die westliche Welt: Wir nennen sie die Mafia, sie selbst sehen sich als wohltätige Organisation, wie die Pfadfinder. Sie wollen japanische Traditionen und Werte erhalten, sie sehen sich nicht als die Bösen.

Aber wenn sie sich nicht als die Bösen sehen, was tun sie denn in Wirklichkeit?

Ihr Geld verdienen sie mit finanziellem Betrug, Manipulation des Aktienmarkts, Erpressung, Schutzgelderpressung, illegales Glücksspiel. Anders als ihre amerikanischen oder mexikanischen Entsprechungen haben sie durchaus Tabus. In einem Stadtviertel, in dem die Yakuza ein Büro haben, gibt es keinen Einbruch und man wird nicht auf der Straße ausgeraubt. Die Yakuza sind sicherlich ein Grund für die niedrige Kriminalitätsrate in Japan.

Die japanischen Yakuza sind wie Goldman Sachs mit Knarren. Der einzige Unterschied ist, dass die Yakuza einem minimalen Ehrenkodex folgen.

Also betreiben sie nur anspruchsvolle Kriminalität?

Ja und damit verdient man auch viel mehr Geld. Sagen wir, der Chef einer Bank hat eine Geliebte in einem der Clubs, der dir gehört, dann erpresst du ihn. Damit kann man einen ganzen Haufen Geld machen. Die japanischen Yakuza sind wie Goldman Sachs mit Knarren. Der einzige Unterschied ist, dass die Yakuza einem minimalen Ehrenkodex folgen.

Anscheinend befinden sich in dem neuen Magazin auch Gedichte und Angel-Reportagen. Wie soll das den Yakuza helfen?

Weil das so rüberkommt wie: „Hey, die sind wie du und ich. Die gehen Angeln, haben Hobbys.“ Man denkt nicht wirklich an einen bedrohlichen Gangster, der ruhig am Fluss sitzt und geduldig angelt, das ist kein besonders einschüchterndes Bild. Ich bin überrascht, dass keine Artikel drin waren, was für gute Väter sie sind, vielleicht kommt das in der nächsten Ausgabe.

Also ist das eine Art von Propaganda?

Ja, die Polizei nennt sie bōryokudan, also gewalttätige Gruppe, sie selbst sehen sich als ninkyō dantai, also wohltätige Organisation. Sie behaupten, sie kümmern sich um die Außenseiter, jugendliche Kriminelle oder Drogenabhängige, geben ihnen Jobs und bringen ihnen Disziplin bei. Aber sind sie eine gute Kraft in Japan? Nein. Ganz klar sind sie Parasiten der Gesellschaft, sie treiben Baupreise in die Höhe, die meisten haben keine Ehre und sind Soziopathen.

Also das Image mit einem eigenen Magazin zu pflegen, das erinnert mich an das, was Firmen machen.

Naja, die Yamaguchi-gumi sind eine Firma. Sie haben eine Unternehmensstruktur, mit Vorständen und Geschäftsführern. Es ist ein gigantisches Franchise mit einem eigenen Logo. Wenn ein Geschäft das Logo einsetzt, haben Leute Angst davor und das macht es einfacher, Geld zu verdienen.

fanzine

Sind die Yakuza eigentlich illegal?

Nein, sie sind reguliert, aber nicht ausgestoßen. Deshalb können die Yamaguchi-gumi eine Zentrale betreiben, die einen ganzen Häuserblock umfasst, in Tokyo liegt die genau gegenüber des Ritz-Carlton. Sie befinden sich in dieser bizarren Grauzone, sie haben Regeln, was sie tun und nicht tun dürfen. Aber ein Mitglied zu sein, ist kein Verbrechen.

Also braucht die Gruppe das Magazin für die interne Kommunikation mit ihren 27 000 Mitgliedern?

Die Yamaguchi-gumi sind in einem harten Überwachungskampf mit der Polizei, sie sind kein großer Fan von E-Mails. Die bevorzugte Kommunikationsmethode ist immer noch das Fax, weil es sehr schwer nachzuverfolgen ist. Wenn man also eine Nachricht an alle Mitglieder verbreiten will, ohne alle versammeln zu müssen, ist der einfachste Weg, eine Zeitung zu veröffentlichen. Sie kann leicht über den Postweg verteilt werden. So können die Anweisungen und Gedanken der derzeitigen Führung zu so vielen Mitgliedern wie möglich gebracht werden.

Warum ist das gerade jetzt nötig? Warum wenden sich die Mitglieder von den Yakuza ab?

Tokio hat es verboten, Geschäfte mit den Yakuza zu machen. Wenn du in Japan den Yakuza ein Schutzgeld zahlst, bist du selbst ein Krimineller. Also will niemand mehr Schutzgeld zahlen. Das nimmt den Yakuza eine Menge ihrer Einkünfte. Und ohne Einkünfte bleiben viele Leute nicht in der Organisation, weil sie nichts verdienen. Deshalb wenden sich die ehemaligen Mitglieder anderer Arbeit oder der Kleinkriminalität zu.

Und auch die Fanzines werden immer weniger.

Ja, eins davon ist letztes Jahr bankrott gegangen. Es gibt zwei monatliche und drei wöchentliche Fanzines, die Artikel über die Yakuza schreiben.

Die jüngere Generation vermeidet Tätowierungen und das Finger Abschneiden.

Glauben Sie, es gibt Geheimcodes in den Texten? Haben die Yamaguchi-gumi keine Angst, dass die Polizei mitliest?

Nein, vielleicht hoffen sie das sogar. Die Yamaguchi-gumi hoffen, dass die Leute einen besseren Eindruck von ihnen bekommen. Sie haben schon eine Art von Kultur, sind keine ahnungslosen Schläger. Es gab einen sieben Jahre andauernden Krieg zwischen zwei Yakuza-Gruppen. Sie warfen Granaten aufeinander und schossen mit Maschinengewehren in die Geschäftsstellen der rivalisierenden Gruppe. Es gab mindestens 14 Tote durch Schussverletzungen und das ist in Japan sehr selten. Das hat den Yakuza auf jeden Fall ein schlechtes Image verpasst. Dieser Gang-Krieg hat letzten Monat deshalb geendet, weil die Yaguchi-gumi eine Rolle als Friedensstifter spielen konnten. Vielleicht dachten sie sich, es ist Zeit, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie keine granatenwerfenden Terroristen sind, sondern manche von ihnen einem minimalen Ehrenkodex folgen.

Was ist dieser Kodex?

Der Kodex ist ganz einfach. Diese Dinge sorgen dafür, dass du bei den Yamaguchi-gumi und den meisten anderen Gruppen herausgeworfen wirst: Raub, Diebstahl, sexuelle Übergriffe und mit Drogen zu handeln oder sie zu nehmen.

Wie haben Sie damit zu tun? Kennen Sie manche Yakuza persönlich?

Ich habe an einer japanischen Universität studiert und 1994 für die größte japanische Zeitung mit der Berichterstattung über das organisierte Verbrechen angefangen. Jetzt mache ich das seit fast 20 Jahren. Meistens habe ich mit der Polizei zu tun, die sich auf die Yakuza spezialisiert hat. Und ja, ich kenne manche persönlich, aber ich traue ihnen nicht.

Was sind das für Leute?

Man kennt sie ja als ganzkörpertätowierte Gangster. Aber das ist nicht mehr so. Selbst viele aus der älteren Generation haben keine Tattoos und die jüngere Generation vermeidet Tätowierungen und das Finger Abschneiden. Es gab eine Zeit, in der das sehr beliebt war. Aber heute ist das so ein klares Zeichen für einen Yakuza, das wird eher vermieden. Man könnte auch denken, die hohen Yakuza-Mitglieder rauchen viel und trinken viel Alkohol. In Wirklichkeit leben sie sehr gesundheitsbewusst. Denn man muss nüchtern sein, wenn man sofortige Entscheidungen treffen muss. Sie sind immer mehr wie Geschäftmänner. lg

 16. JULI 2013 erschienen auf „The Narrative“

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