Reportage: Die „c-base“ in Berlin

In Berlin-Mitte liegt ein Raumschiff vergraben. Behauptet zumindest der Verein „c-base“, der dort einen Raum für Hacker und Technik-Nerds geschaffen hat. Eine Reportage.

c-base in Berlin:
Der Ideen-Inkubator der dritten Art

REPORTAGE: In Berlin-Mitte ist vor 4,5 Milliarden Jahren ein Raumschiff abgestürzt. Das behaupten zumindest die Mitglieder des Vereins „c-base“, die an dessen Rekonstruktion und eigenen zukunftsträchtigen Technik-Projekten werkeln. Trotzdem werden noch Jahrhunderte vergehen, bis die Raumstation wieder abheben kann. Die Projekte der Mitglieder tun es schon jetzt.

c-base in Berlin: Der Ideen-Inkubator der dritten Art

„Members Only“ warnen gleich drei Schilder an Wand und Wendeltreppe. Mein Begleiter namens jeedi öffnet mit großer Geste die eiserne Kellertür. Dahinter plärrt eine blecherne Stimme: „Alien-Alarm!“. Blinkende Röhren beleuchten die muffigen Räume. Beiläufig deutet jeedi auf einen verstaubten Beam-Transporter, in dem ein explodiertes Alien steckt: „Der hatte leider Pech.“ Natürlich besteht das Alien aus Schaumstoff und die Raumschiffwände sind aus silbernen Druckerplatten. Aber jeedi, der eigentlich Tobias heißt und als Systemadministrator arbeitet, befeuert gerne die Vorstellungskraft der Besucher.

c-base, die Raumstation unter Berlin

1995 von 17 Berliner Hackern gegründet, positioniert sich der Verein „c-base“mit seinem Konzept als „Raumstation unter Berlin“  als einzigartige Anlaufstelle für inzwischen rund 300 Mitglieder. Manche kommen nur zu Veranstaltungen, andere arbeiten regelmäßig in einer der Werkstätten. Die c-base stellt auf rund 700 Quadratmetern Equipment aller Art zur Verfügung, eben „eine Station, dieRaum für kreative Ideen bietet“, sagt jeedi. Er trägt eine khakifarbene Cargohose, hat sich die langen blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden und raucht während des Rundgangs fünf Zigaretten, die er routiniert auf dem rohen Betonboden austritt.

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Seit 2007 verbringt er nicht nur seine Freizeit hier, zwischen der surrenden Server-Lüftung und abgedunkelten Fenstern richtet sich der 32-Jährige auch gerne mal im Home-Office ein: „Die c-base ist zum zweiten Wohnzimmer geworden“, sagt er. An diesem Freitagmorgen eignen sich die fast menschenleeren Räume besonders gut zum ruhigen Arbeiten, erst abends wird es voller. In der so genannten Nerd-Area treffen wir einen hageren Mann mit dickem schwarzem Schnauzbart, der an einer hölzernen Kaffeemühle kurbelt. Er wendet sich von seinem Bildschirm ab:

„Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee steigert das Wohlbefinden“,

verkündet er. Es riecht eher nach lange nicht gelüftet. Sein Sitznachbar sei noch nicht da, mit ihm habe er ein „Teagreement“: Morgens mache er Kaffee, abends der Kollege Tee. An den schwarz gestrichenen Wänden kleben hunderte Computertastaturen, aus den Bürostühlen quillt der Schaumstoff. In einer dunklen Ecke sitzt ein weiterer Hacker, der hat aber laut jeedi „ein nicht so alienkompatibles Sozial-Interface.“ Wir kommen unbehelligt vorbei.

Bei aller Kuriosität bietet die abgestürzte Raumstation durchaus fruchtbaren Boden für Erfinder. Finanziers wie Google, Moviepilot und Immobilienscout24 investieren in die Ideen der Tüftler.

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In den Räumen stehen 3D-Drucker, Beamer, Computer, aber auch ganz analoges Material und Werkzeug bereit. Der Kollege, der sonst an der Werkbank Holz bearbeitet, guckt bei der Arbeit gerne Stargate-Videos auf seinem verstaubten Röhrenfernseher, erzählt jeedi und deutet auf die säuberlich aufgereihten Videokassetten im Regal.

Aus diesen Freizeitprojekten entstehen zuweilen lohnende Geschäftsideen. Auch jeedi hat schon ein Produkt in der c-base erdacht und einen Abnehmer dafür gefunden: Mit seinem Flugdatenschreiber lassen sich Flüge genau nachverfolgen; zum Beispiel kann das Gerät messen, wie sanft das Flugzeug landet. Die Firma „Hackerfleet“ ist ebenfalls aus dem Bauch der Raumstation geboren. Sie entwickelt eine Software, die Schiffen durch ein Sensornetz automatisches Navigieren ermöglicht.

Sollte die Raumstation eines Tages vollständig rekonstruiert sein, könnten diese Technologien sie möglicherweise zurück auf ihren Heimatplanetenbringen. Doch das wird noch einige Jahrzehnte dauern, meint jeedi. Vielleicht kommen die Aliens bis dahin ja wieder? „Dann können sie gerne helfen.“ lg

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