Food-Magazin „Swallow“ kann Print gut riechen

Print ist tot? Von wegen! Das New Yorker Food-Magazin nutzt einen Vorteil des papiernen Mediums und stattet seine Mexiko-Ausgabe mit Duftstickern aus. Beim Blättern weht Lesern der Geruch von Mexico City entgegen.

Swallow: Das Magazin
mit den Duft-Stickern

Ein New Yorker Food-Magazin streut Duftmarken in seiner „Mexico City“-Ausgabe und will so neue Leseerlebnisse schaffen. So riecht das Heft beim Blättern mal nach Müll und mal nach Blumen. Pionier dieser „Scratch-and-Sniff“-Technik übrigens: ein bekannter amerikanischer Porno-Titel.

Swallow: Das Magazin mit den Duft-Stickern

Immer der Nase nach: Das Redaktionsteam um James Casey nimmt sich gerne mal ein Jahr Zeit, um ihr Food-Magazin Swallow auf Hochglanz zu polieren. Dazu gehören seit dieser Ausgabe zum Thema Mexico City auch aufwendig produzierte Scratch-and-Sniff–Sticker, die nach dem Reiben den Geruch von 20 verschiedenen mexikanischen Kiezen freigeben. Ob Müll, Blumen oder Asphalt, das Heft verströmt gnadenlos den nicht immer wohlriechenden Großstadt-Odeur.

swallow-cover

Das Swallow Magazine aus New York City ist kein gewöhnliches Hausfrauen-Rezepteheft, es erinnert eher an das rotzige Vice Magazine. James Casey und seine Kollegen machen in brillant geschriebenen Reportagen ihre kulinarischen Eindrücke von verschiedenen Reisen erlebbar: Die erste Ausgabe von 2009 dreht sich um die Küche Skandinaviens, in der zweiten probieren sie das Essen entlang der Transsibirischen Eisenbahnstrecke. Die „Mexico City Issue“ ist gerade erschienen und kostet 50 Dollar, wenn man sie aus Deutschland bestellt. Aber auch online sind die Artikel zu lesen, allerdings recht statisch und natürlich ohne Geruch.

Müssen Print-Magazine solche Features auffahren, um weiter zu bestehen? James Casey erklärt uns seinen Standpunkt zu dem Thema: „Print wird immer zweitrangig zum Digitalen sein, wenn es um aktuelle Informationen geht. Deshalb muss Print sich um seiner selbst Willen positionieren. Meiner Meinung nach bedeutet das, dass Print ein Medium für ästhetische Belange werden kann.“ Swallow positioniert sich entsprechend als Coffee Table Magazin, die hochwertig produzierten Geschichten erscheinen auf 160 A4-Seiten. Laut Casey muss sich Print mehr auf Design und Materialien konzentrieren: „Der größte Vorteil einer Printpublikation ist, dass sie greifbar und fühlbar ist. So ist ein gesteigertes Bewusstsein für Material und Design die Zukunft für viele Veröffentlichungen da draußen.“ Vorbilder für den New Yorker sind die Condé-Nast-Hefte wie GQ oder Vogue.

Gedruckten Geruch gibt es natürlich schon länger. Eines der ersten und berühmtesten Beispiele in einem Magazin ist der 1977 erschienene Hustler mit seinem „Scratch-and-Sniff-Centerfold“. Doch auch wenn der Titel andere Gerüche assoziieren lässt, schnuppert man lediglich an verschiedenen Parfums. Dementsprechend sind aktuelle Titel wie „Tinker Bell’s Scratch and Sniff Surprises“ für Kinder gemacht, eine beliebte Erweiterung von herkömmlichen Bilderbüchern.

Bildschirmfoto 2013-04-11 um 10.24.47

Die Gerüche für das Swallow Magazine zu Mexico City kommen von der norwegischen Parfümeurin Sissel Tolaas. Sie hat viele Gerüche von Städten in ihrem Berliner Atelier. Zu Mexico City hatte sie bereits rund 200 Proben gesammelt, als James Casey auf ihre Arbeit aufmerksam wurde. 20 davon fanden den Weg ins Heft. Doch der Weg vom Flakon aufs Papier war aufwendig. Mit der finanziellen und konzeptionellen Hilfe des Duftstoffe-Herstellers „International Flavors & Fragrances“ wurden die Aromen aus ihren einzelnen Molekülen künstlich zusammengesetzt und dann mikroverkapselt. „Dieser dünne Brei wurde dann an unsere Druckerei in Berlin geschickt, die die Gerüche mit einem Lack vermischte und sie vorsichtig durch den Druckapparat laufen ließ. Diese bedruckten Bögen wurden dann nach Singapur transportiert, wo sie eine Klebefläche bekamen, bevor sie gestanzt und per Hand auf jedes Heft appliziert wurden. Zwischen all diesen Produktionsschritten kann so ziemlich alles passieren. Der ganze Prozess macht jedenfalls sehr viel Arbeit.“, erzählt James Casey.

Die mikroverkapselten Duftperlen setzen sich erst frei, wenn man an dem Papier reibt. So bekommt der Leser zum Beispiel einen olfaktorischen Eindruck vom Kiez, in dem der Ex-Wrestler „Babyface“ seine Tortillas verkauft. Für die Geschmacksprobe muss der Leser jedoch immer noch selbst nach Mexiko reisen. lg

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s