Interview: Startup-Mentor Holger Weiss personalisiert das Radio

Wie funktioniert ein personalisiertes Radio und warum setzt Startup-Mentor Holger Weiss auf den Trend Big Data? Im Interview erklärt der „Aupeo“-CEO sein Geschäftsmodell.

Holger Weiss im Interview:
„Personalisierte Werbung ist möglich, aber Unternehmen fehlt der Mut“

INTERVIEW: Big Data macht möglich, dass Content personalisiert ausgegeben wird. Theoretisch. Das personalisierte Internet-RadioAupeo denkt mobiles Netz ganz radikal und muss trotzdem feststellen: Praktisch sind Werbetreibende noch nicht bereit für personalisierten Branded Content.

Holger Weiss im Interview: „Personalisierte Werbung ist möglich, aber Unternehmen fehlt der Mut“

Herr Weiss, Sie betreiben mit Aupeo ein personalisiertes Internetradio. Was unterscheidet das Angebot von Konkurrenten wie etwa Spotify?

Wir haben sehr früh angefangen, uns als B2B2C-Unternehmen aufzustellen, das heißt wir entwickeln Software für Geschäftskunden. In den letzten drei Jahren haben wir uns sehr stark auf die Automobilindustrie fokussiert, deshalb ist Aupeo in allen Fahrzeugen der BMW-Gruppe integriert und wird dieses Jahr auch auf zahlreichen anderen Markenherstellern erscheinen.

Personalisiertes Radio – wie funktioniert das?

Aus dem Hörverhalten wird eine Art Musik-DNA herausgefiltert. Wenn wir merken, dass das mehr in die rockige Richtung geht, dann spielen wir für diesen User mehr solche Musik. Wir stellen also fest: Aha, die mochte ein Lied von Silbermond, dann wird sie wahrscheinlich auch Wir sind Helden mögen. Das können wir auf den verschiedensten Genres und Sendern.

Dabei ist ja der Algorithmus oft die große Problematik. Empfehlungsalgorithmen wie im Retargeting und für Related Content funktionieren oft noch nicht richtig gut.

Bei uns ist der Algorithmus deshalb auch nur ein Teil der Empfehlung, er kann Historien aufbauen und Ähnlichkeiten analysieren. Der andere Teil ist unsere Musikredaktion, die mit ihrem Know-how dieses eigentlich algorithmisch nicht zu erschlagende Phänomen Musik bearbeitet und kuratiert. Dann gibt es ja noch den User selbst, der mit der Plattform interagiert und per Button angibt: Das mag ich mehr oder weniger.

Was für Software bieten Sie für Unternehmen an?

Wir machen Internet-Services, das kann man sich so vorstellen: Das DSL Zuhause ist immer gleich stark, aber wenn ich jetzt mit 140 km/h durch die Eifel fahre, gibt es immer mal Abbrüche und Tunnels, das gilt es auszugleichen. Wir verfügen über bestimmte Technologien, die es ermöglichen, Online- und Offline-Szenarien so dem Konsumenten anzubieten, dass das eine homogene User-Experience ist, dass er nicht immer zwischen Online und Offline umschalten muss, wenn er mal in einen Bereich kommt, wo Roaming wäre.

Das wird dann in Autos eingesetzt, die Ihr Internetradio streamen. Mobiles Netz, ganz radikal gedacht.

Absolut! Die Hauptnutzung von Aupeo findet auf Mobilgeräten statt. Außerdem sehen wir: Sogar im Fahrzeug nimmt die Nutzung von Mobilgeräten rapide zu.

Wird in dem Radioprogramm auch Werbung abgespielt?

Das Premium-Paket ist werbefrei. Es gibt aber auch den kostenlosen Service, wo Werbung gespielt wird, wobei wir mit dem Online-Streaming da ein bisschen wie im Internet 1997 sind. Das Medium ist noch nicht klar. Bei den Mediaagenturen gibt es ein Budget für Audio- und eins für Internetwerbung, Audio im Internet ist keine Kategorie. Das heißt, es gibt faktisch kein Budget dafür. Damit muss man einfach umgehen.

Ist die Werbung dann auch personalisiert?

Theoretisch ist das natürlich möglich. Wir können auch bestimmte Plattformen targeten, das tun wir aber heute relativ eingeschränkt. Es gibt heute eigentlich noch keine Werbetreibenden, die sagen: Ich hätte jetzt gerne eine Luxuskampagne in einer Serie der Oberklasse. Das geht theoretisch. Praktisch wird es heute nicht umgesetzt.

Warum nicht?

Es gibt keinen Werbetreibenden, der heute schon bereit ist, diese Gelder in die Hand zu nehmen. Das ist ein relativ frühes Medium. Das ist heute noch nicht in den Köpfen der Werbeleute angekommen, die freuen sich, wenn sie heute verstanden haben, was Retargeting ist.

Aber das wäre doch ideal! Wenn ich schon weiß, derjenige sitzt in einem bestimmten Auto…

Genau, da habe ich keinen Streuverlust mehr.

radio2

Müssen Unternehmen da noch etwas mutiger werden?

Ja, und innovativer. Aber wie gesagt: Als das ganze mit Online-Marketing losging, hat keiner gesagt: Ich investiere jetzt in einen Banner auf einer Webseite. Aber heute hat der Internet-Werbemarkt das Fernsehen längst überholt. Das sind Ökosysteme, die sich erst etablieren müssen.

Sie sind ja auch viel unterwegs als Mentor für Start-ups. Wie sind deutsche Unternehmen bei Technologie- und Marketingtrends aufgestellt im Vergleich mit China oder den USA?

Grundsätzlich ist die USA da immer ein ganzes Stück experimentierfreudiger und schneller. Was in China ganz interessant ist: Die überspringen bestimmte Entwicklungsphasen einfach. Fixes Internet gab es erst gar nicht, da ist gleich alles mobil geworden. Ich würde nicht sagen, dass Deutschland hinterherhinkt in der Innovationskraft, aber in der Akzeptanz von bestimmten Dingen auf jeden Fall.

Welche Trends sehen Sie dort, die wahrscheinlich bei uns noch kommen?

In den USA wird die Innovation nicht mehr bei schnelleren Computern oder mehr Speicherkapazität stattfinden, sondern in der Algorithmik und im Thema Big Data. Dass man Gesamtzusammenhänge aus bestimmten Quellen verknüpft und versucht, sinnvolle Voraussagen zu machen. Das muss ja erstmal nichts Schlechtes sein. Ich spinne jetzt rum, da sind wir noch nicht. Aber wenn so eine verknüpfte Intelligenz irgendwann einen Herzinfarkt voraussagt, dann kann das ja etwas sehr Positives sein. Auf der anderen Seite kann man auch aus Bewegungsmustern Überwachungsprotokolle herausziehen. Da wird noch viel passieren. lg

 

14. JANUAR 2014 erschienen auf „The Narrative“

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