Interview: Christoph Kappes und Sascha Lobo schmökern im Team

Christoph Kappes und Sascha Lobo gründen eine Social Reading-Plattform. Warum Unternehmer Kappes sofort von der Idee überzeugt war, erzählt er im Interivew.

Social Reading-Plattform „sobooks“:
Wie Christoph Kappes und Sascha Lobo das E-Book revolutionieren

INTERVIEW: Gemeinsam mit Sascha Lobo gründete Blogger und Unternehmer Christoph Kappes das Start-up „sobooks“. Social Media-Funktionen erweitern den Online-Reader um eine kommunikative Komponente. Wie „sobooks“ das Buch als Kulturgut verändert und warum Autoren-Abos auch für Nachrichtenseiten zukunftsweisend sind, erklärt Christoph Kappes im Interview.

Social Reading-Plattform „sobooks“: Wie Christoph Kappes und Sascha Lobo das E-Book revolutionieren

Schnafte Möglichkeiten für Autoren, verspricht sobooks auf seiner Website. Schnafte? Mit dem altberliner Wort für fabelhaft beweisen die GründerChristoph Kappes und Sascha Lobo schonmal ihr literarisches Know-how. Denn nicht zuletzt ihre eigenen Werke können auf der Leseplattform durchschmökert werden.

Seit Oktober 2013 werden Zugangscodes für die Beta-Version von „sobooks“ vergeben, im Frühjahr 2014 soll die Online-Plattform für alle verfügbar sein. Das Social Reading-Startup führt eine Kommentarebene in der Leseansicht der Bücher ein. Diese von Usern geschriebenen Marginalien sind ausblendbar und eine Übersicht zeigt an, welche Seiten besonders diskutiert wurden. So erhält der Nutzer einen Schnellüberblick, was im Buch wichtig ist. Aus dem E-Book heraus können Tweets, Google+ und Facebook-Posts abgesetzt werden. So genannte „cobooks“ enthalten bereits Rezensionen von bekannten Autoren, die mit ihren Einschüben den Lesefluss unterbrechen.

Im Interview verrät Christoph Kappes, was er sich dabei gedacht hat.

Herr Kappes, was will „sobooks“ bewirken?

Wir entwickeln das Buch weiter, das ist vielleicht sogar die Hauptüberschrift bei „sobooks“. Es gibt verschiedene Konzepte, die wir zum Einsatz bringen, zum Beispiel dass User im Buch kommentieren können, der so genannte Social Layer. Das verändert natürlich auch das Buch als Kulturgut.

Inwiefern? Was für eine neue Bedeutung bekommt es?

Man bekommt auf jeden Fall einen anderen Zugang zu Büchern, weil man sehen kann, an welchen Stellen im Buch diskutiert wird. Bei „sobooks“ sieht man zum Beispiel, worüber die Freunde diskutieren und welche Bücher wichtig sind. So etwas gibt es bisher nicht. Man hat nur Verkaufsstatistiken, die nur die Verkäufe messen und nicht die kommunikative Relevanz. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir Genaueres aber selbst noch nicht.  Kommunikation passiert manchmal einfach, das kann man nicht steuern, das kann man nur beobachten.

Schafft diese Aufwertung auch eine Art Kopierschutz?

Wir sagen, dass wir eine Alternative zum digitalen Rechtemanagement haben. Weil wir durch diese Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten das Buch selbst aufwerten. Mit dem Begriff „aufwerten“ muss man allerdings vorsichtig sein. Sascha Lobo und ich sind ja schon lange im Netz unterwegs und wir wissen, dass die Qualität der Kommentare in aller Regel nicht an das heranreicht, was ein relevanter Buchautor schreibt. Die Relevanz entsteht auf einer zweiten Ebene. Ich sehe nämlich: Welche Passagen sind wichtig und worüber muss ich reden?

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sagen wir mal, ein schönes Belletristik-Buch aus den 50er Jahren, da möchten Sie vielleicht eine kommentierte Version lieber lesen als eine unkommentierte. Oder eine rezensierte Version, wir sprechen da von CoBooks: Wenn Experten Bücher bereits vorkommentiert haben. Das macht das Buch wertiger als die bloße Kopie, die sie irgendwo aus dem Netz ziehen.

Da muss man sich ja fragen: Was ist denn kommunikative Relevanz?

Es mag sein, dass eine bestimmte Klientel etwas für sinnvoll hält, was eine andere nicht für sinnvoll hält. Wir haben zum Beispiel noch keine Krimis und keine Vampirbücher im Programm. Es könnte sein, dass die Vampircommunity total abgeht an bestimmten Stellen, wo Sie und ich uns abwenden. Es kann auch sein, dass Leute sich einfach nur äußern wollen, um ihre Identität zu finden, oder Perspektiven zu wechseln. Deswegen liest man ja. Man liest ja nicht unbedingt, um Wissen zu erwerben.

„sobooks“ hilft also bei der Identitätsfindung?

Das ist ein Sinn des Lesens! Die Frage: „Wer bin ich?“ lässt sich durch lesen und diskutieren recht gut klären. Durch das Lesen lernen Sie, die Perspektiven zu wechseln und schulen ihr Vorstellungsvermögen. Obwohl es zum Teil eine sehr introvertierte Tätigkeit ist. Ich zum Beispiel lese immer, indem ich mich zurückziehe. Ich schule trotzdem meine soziale Kompetenz dadurch.

War das auch der Anreiz für Sie, sich beruflich damit zu beschäftigen?

Ja, für mich kommt da alles zusammen, was mich interessiert. Ich beschäftige mich gern mit Inhalten und ich beobachte gern Menschen dabei, wie sie kommunizieren, weil ich da auch sehr viel lernen kann. Und ich bringe mit meinen 20 Jahren Online-Erfahrung gern Innovation in die Welt.

 Wie kam die Zusammenarbeit mit Sascha Lobo zustande? Kennen Sie sich schon lange?

Wir haben uns vor ein paar Jahren in Berlin kennengelernt. Irgendwann kam Sascha auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich da eine bestimmte Rolle übernehmen möchte.

Und da waren Sie gleich begeistert?

Ich war tatsächlich sehr schnell begeistert, weil ich die Grundidee, das Buch in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen,nach einer kurzen Irritation sehr überzeugend fand. Nachdem ich mindestens zehn Geschäftsideen in den letzten Jahre geprüft hatte, war das die erste, wo ich das Gefühl hatte: Da passt jetzt alles, das mach ich mit. Wir haben danach natürlich noch viel verändert und gefeilt, zum Beispiel waren anfangs Apps zentral, heute finden wir im Web statt.

Bei „sobooks“ bieten Sie auch Autoren-Abos, ist das ein zukunftsträchtiges Modell auch für kürzere Inhalte im Online-Journalismus?

Wir gehen so weit, dass wir sagen: Das Modell gilt genauso für kürzere Inhalte, die den Nutzern gewissen Wert bringen. Grundsätzlich ist das was wir anbieten genau so ein Bezahlmodell, das auch für Zeitschriften funktioniert.

Wirkt sich so ein Abo-Modell auch für die Medienmarke positiv aus?

Auf der einen Seite bin ich sicher, dass es immer Marken braucht, weil sie Komplexität reduzieren und eine Erwartbarkeit kommunizieren. Medienmarken werden nie verschwinden. Trotzdem geschieht mit der Stärkung der Autoren etwas, was die Medienwelt verändert, weil auf einmal die Unterschiede messbar werden. Das hat positive Seiten für die Stars, aber auch negative Seiten, weil es Marktmechanismen an Stellen implementiert, die vielleicht gar nicht richtig sind.

Können Sie das weiter erklären?

Es ist nunmal in der Online-Welt so: Wo einzelne Autoren sichtbarer werden und ihr Erfolg in Retweets, Aggregatoren und Backlinks messbar wird, beginnen diese Autoren, sich nach Reichweitenmechaniken zu richten. Das passiert ja sogar bei mir, dass ich es schöner finde, wenn ich 90 Retweets habe als 50.

Das heißt, das geht auf Kosten der Qualität.

Ja, das kann passieren. Die Frage ist: Was ist der Mechanismus, nach dem Inhalteproduktion erfolgt? Und in dem Moment, wo sie reichweitenoptimiert ist, ist das strukturell qualitätsgefährdend. Sie müssen durch eine Marke Ihre Grenzen sicherstellen. Ansonsten würden auch bei Qualitätsmarken Effekte passieren, die boulevardisierend wirken. Und das sehen wir ja auch. Es gibt sehr große und reichweitenstarke Online-Medienmarken, die genau unter dieser Boulevardisierung leiden.

BuzzFeed macht es ja vor, dort wird Content nur auf Reichweite optimiert.

Da gibt es auch noch mehr: Die Huffington Post, oder so Trash-Magazine wie VICE. Es gibt jetzt zunehmend so eine Art Online-Boulevard.

Aber macht das dann nicht solche Qualitäts-Medienmarken wieder wertvoller?

Ha! Genau so ist es. Weil es nämlich immer noch ein Publikum gibt, das Qualität wünscht. Und dieses Publikum braucht die Marken zur Orientierung. Wie übrigens auch die Redaktion und der Rest des Unternehmens die Marke brauchen. Sie ist einerseits Leitbild und andererseits entsteht sie erst durch Handeln, durch kulturelle Übung.

Deshalb haben Medienmarken auch im Netz eine Zukunft?

Aus meiner Sicht haben Marken natürlich eine Zukunft. Im Grunde ist der Mechanismus ganz einfach: Die Welt wird immer komplexer, es gibt zum Beispiel immer mehr Leute, die sich artikulieren. Also braucht man Medienmarken, um die Komplexität zu reduzieren und die Kommunikation zu vereinfachen. Gegen Reichweitenmechanismen Grenzen zu ziehen müssen Medienmarken häufig noch lernen. lg

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