Interview: Cyber Punk-Autor Bruce Sterling erklärt den Journalismus für beendet

Mit apokalyptischen Zukunftsszenarien kennt er sich aus: Science Fiction-Autor und Cyber Punk-Gründer Bruce Sterling erklärt den Beruf des Journalisten für ausgestorben.

Bruce Sterling:
„Journalisten werden ausgelöscht“

Er ist Science-Fiction-Autor, Journalist und Mitbegründer des Cyber Punk. Exklusiv hat uns Bruce Sterling auf den Berg gerufen, um seine radikalen Prophezeiungen zur Zukunft der Medien in „The Narrative“ zu verkünden.

Bruce Sterling: „Journalisten werden ausgelöscht“

Herr Sterling, die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Wie stark verändert das die Arbeit von Journalisten?

Nun, im Grunde genommen werden Journalisten ausgelöscht. Es herrscht die Vorstellung, dass analoge Medien sich in Richtung digitale Medien verlagern, aber in Wirklichkeit passiert dieser Übergang gar nicht. Das Analoge ist verhängnisvoll zerrissen, während das Digitale eine seltsame Masse aus unbeständigen, sehr unterschiedlichen Methoden abbildet. Es gibt immer weniger „Nachrichten“, und in letzter Zeit werden immer mehr Daten herumgeschoben von interessierten Parteien, die aus verschiedensten Gründen ihre Meinung zu Gehör bringen wollen.

Zunehmend werden solche Angebote auch von Firmen wie Coca-Cola oder Red Bull bereitgestellt, die eigene Nachrichten veröffentlichen.

Diese Firmen-Megaphone sind keine Nachrichtenseiten. Aber es überrascht nicht, dass sich verschiedene wohlhabende Gruppen in dem Macht-Vakuum positionieren, das der Einsturz der vierten Macht im Staat hinterlassen hat. Viele analoge Zeitungen und Nachrichtensender gehörten sowieso Firmen, deshalb ist es mehr eine abgenommene Maske als ein echter Wechsel.

Wie wird das weitergehen?

Ich denke, was den Musikern passiert ist, wird irgendwann allen passieren. Die, die von Brüchen leben, werden durch Brüche sterben. Das Fehlen einer freien Presse schafft eine neue politische Situation, die ein bisschen wie Polen in den 1980er Jahren aussieht – es gibt ein Überbleibsel einer offiziellen Presse, die immer noch mechanisch ihre Aufgaben auf Papier und im Fernsehen erledigt, und dann gibt es eine eher Solidarnosc-alternative Kultur – wie die Tea Party in den USA und Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Online-Gruppen, die mit der Zeit ihre eigene Realität erfinden.

Was meinen Sie genau?

Der Lyssenkoismus über die Klimaerwärmung ist besonders gefährlich – er erinnert stark an die offiziellen Lügen, die als Staatsrealität in der Sowjetunion dienten. Wenn man eine Finanzkrise, die niemand versteht, zu dieser Mischung hinzufügt, bekommt man eine bemerkenswert instabile Situation.

Ist das nicht problematisch?

Wir werden jedenfalls nicht zum alten Weg zurückkehren, aber nur der Himmel weiß, wie der Neue aussieht. Meine Mutmaßung ist, dass rudernd eine ganze Menge  Notlösungen immer wiederholt werden, in der Hoffnung, dass irgendwas endlich funktioniert. Irgendwas wie die unglückliche Handhabung der Eurokrise. Es ist nicht erfreulich in einer Depression zu leben, aber es ist einer der interessantesten Abschnitte in meinem Leben. lg

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