Interview: Florian Schumacher überwacht sich selbst und nennt das „Quantified Self“

Sich selbst ständig selbst optimieren mithilfe technischer Geräte, das ist Sinn der Quantified Self-Bewegung. Florian Schumacher gründete die Community in Deutschland und ist völlig überzeugt von der konsequenten Überwachung.

Auf dem Weg zum digitalen Selbst:
Quantified Self Pionier
Florian Schumacher im Interview

Quantified Self heißt die Bewegung rund um die neuen, tragbaren Messgeräte wie die Armbänder Jawbone Up oder Nike+ Fuelband. Diese kleinen Beobachter des Alltags werden immer subtiler und vernetzen sich zunehmend mit anderen Geräten, prophezeit Florian Schumacher. Er hat die Quantified Self Community in Deutschland gegründet und ist passionierter Trendscout. Was das Sammeln von Daten über Schlafzyklen, Gewicht oder Schritte bringt und wo diese extensive Selbstüberwachung hinführt, erklärt er im Interview.

Auf dem Weg zum digitalen Selbst:  Quantified Self PionierFlorian Schumacher im Interview

Sie sind Trendscout für die Firma Wearable Technologies und haben zeitweise sechs verschiedene Mess-Armbänder gleichzeitig getragen. Was messen Sie jetzt gerade?

Ich trage einen Schrittzähler als Kette um den Hals. Wie in einem iPhone sind da Beschleunigungssensoren drin. Deshalb könnte man auch sein iPhone als Schrittzähler benutzen, aber das trägt man ja nicht immer am Körper. Heute bin ich schon bei 5500 Schritten. 

Und was nützt das?

Studien belegen, dass Nutzer solcher Messgeräte zu 40 Prozent aktiver sind. Wenn ich zum Beispiel mehrere Möglichkeiten für eine Strecke habe, dann wähle ich die, bei der ich länger laufen kann und weniger im Nahverkehr unterwegs bin. Die Grundannahme von Quantified Self ist, dass man in vielen Bereichen nichts über sich sebst weiß und durch subjektive Selbsteinschätzung nur ein sehr ungenaues Bild von der Realität erhält. Self-Tracking-Lösungen funktionieren daher ähnlich wie ein Spiegel, in dem man sich selbst reflektieren kann.

Genauso könnte man auch sagen: Wozu brauche ich eine App, die mir sagt, wie gut ich geschlafen habe, wenn ich einfach merke: Ich bin ausgeruht?

Die Zusammenhänge sind in der Realität oft komplexer. Manche Faktoren können die Schlafqualität auch noch nach 3 Tagen beeinflussen – ohne genaue Analyse könnte man hier die Zusammenhänge nicht nachvollziehen. Durch das Erfassen von Daten gewinnt man Abstand von kurzfristigen, oft extremen Zuständen und hat die Möglichkeit langfristige Trends und Zusammenhänge zu erkennen, die sonst verborgen bleiben würden.

artikel

Aber sind die Zahlen, die die Geräte anzeigen, überhaupt valide?

So ein Schrittzähler ist ja kein medizinisches Gerät, insofern muss es das nicht sein. Beim Schrittzähler ist es schwer zu sagen: Wenn ich aufstehe oder nur das Gewicht verlagere, ist das schon ein Schritt? Daher hat jeder Hersteller in seinen Algorithmen eine eigene Definition von einem Schritt implementiert. Geräte, die für medizinische Zwecke eingesetzt werden, müssen natürlich zertifziert werden, das regelt das Medizingeräte-Gesetz.

Das ist ja die Frage: Wer definiert, was gesund ist, was das Optimum ist?

Oft brauche ich keinen absoluten Maßstab, in manchen Fällen reicht auch ein Vergleich mit anderen. Ich habe ein Tool auf meinem Computer installiert, das misst, wie viele E-Mails ich bekomme, lösche und versende. Damit sehe ich, wo ich im Vergleich zu anderen Menschen stehe, und bestelle vielleicht den ein oder anderen Newsletter ab. Die Tools unterstützen Menschen daher häufig bei der Selbstreflexion. Über den richtigen Maßstab sollte man sich natürlich beim Coach, Arzt oder Experten seines Vertrauens informieren.

Die Gadgets sind gerade noch relativ am Anfang ihrer Entwicklung. Ist es da nicht denkbar, dass die gesammelten Daten auch zum Beispiel an meine Krankenkasse weitergeleitet werden? 

Klar, aber man muss schon unterscheiden, was deren Geschäftsmodell ist. Facebook hat zum Beispiel das Geschäftsmodell Werbung, das weiß ich ja, wenn ich die AGBs bestätige. Bei Hardware zur Erfassung von Vitalitätswerten gibt es ein kombiniertes Geschäftsmodell, das auf dem Verkauf der Geräte und der Nutzung der Kundendaten basiert. Diese Nutzung erfolgt meist anonymisiert – die Weitergabe von Daten an Krankenkassen ist in Deutschland durch gesetzliche Regelungen ausgeschlossen.

Wer liest schon die AGBs? Und so ein Geschäftsmodell kann sich auch ändern.

Änderungen bei der Nutzung der persönlichen Daten müssen von den Unternehmen in den AGBs bekannt gegeben werden. Zum Glück gibt es einige Menschen , die diese auch lesen und auf kritische Punkte hinweisen, zum Beispiel in der Quantified-Self-Facebookgruppe oder auch auf ihren privaten Blogs. Kritisch wird es zum Beispiel, wenn aus der Interaktion mit dem Smartphone Persönlichkeitsmerkmale erkannt werden. Bin ich eher ein proaktiver Kommunikations-Typ, der andere Menschen anruft, oder reagiere ich passiv auf die Anrufe anderer? Allein an der Art und Menge der über Bluetooth erkannten Geräte in der Umgebung eines Nutzers lässt sich zum Beispiel feststellen, ob jemand alleine ist oder sich in einer Menschenmenge aufhält. Solche Daten können zur Personalisierung von Werbung eingesetzt werden, aber auch zur Therapie gegen Depressionen.

Aber man kann doch auch in einer Menge einsam sein und glücklich allein.

Ja, natürlich. Dennoch gibt es Muster, aus denen Persönlichkeitsmerkmale und Emotionen identifiziert werden können. Wenn mit solchen Informationen dann Werbung personalisiert wird oder zukünftig vielleicht sogar medizinische Empfehlungen abgeben werden, sollte das ganz klar rechtlich definiert werden, wie die Interessen des Anwenders geschützt werden. Momentan werden eher einfache Anwendungen wie digitale Blutzuckermessgeräte und Schrittzähler sowie vernetzte Waagen eingesetzt. Mir sind da noch keine Fälle von Datenmissbrauch durch die Hersteller bekannt.

Das ist ja wie bei Facebook: Viele nutzen es, aber wenige kennen das Geschäftsmodell „Daten gegen Service“. Ist es nicht fragwürdig, solange viele Menschen mehr dem Reiz folgen als zu wissen, was dahinter steckt? Was sagen Sie zu solchen Bedenken?

Ich denke man sollte immer seinen gesunden Menschenverstand benutzen. Persönlich finde ich es interessant, Daten zu meiner Aktivität im Freundeskreis zu vegleichen. Blutdruck oder andere medizinische Werte halte ich lieber privat und würde sie wenn, dann mit meinem Arzt teilen. Bisher ist mir kein Datenmissbrauch bei den großen Anbietern von Self Tracking Tools bekannt, und wenn es da Probleme gäbe würde ich es vermutlich mitkriegen. Auch in der Quantified-Self-Szene, diskutieren wir solche Themen intensiv, wir wollen die Entwicklung dieser neuen Technologien aktiv beeinflussen und Menschen dazu befähigen, mündige Nutzer zu sein.

Und wohin geht diese Entwicklung?

In Zukunft wird es immer mehr Quellen für Daten zur Gesundheit, dem Verhalten oder der Umwelt von Menschen geben. Smartphones werden mit noch mehr Sensoren ausgestattet, mit den Smartwatches lassen sich kontinuierlich Daten wie Aktivität oder Schlaf erfassen. Sensoren im Bett, in Kleidungs- oder Schmuckstücken werden weitere Daten erfassen und durch die Vernetzung entsteht ein immer umfangreicheres digitales Abbild einer Person.

Meinen Sie damit das „Internet of Things“, also den berühmten Kühlschrank, der anzeigt, wenn die Milch leer ist?

Genau. Die neuen Versionen von Android und iOS haben solche Schnittstellen ins Betriebssystem eingebaut, mit denen externe Geräte sehr einfach mit dem Smartphone verbunden werden können. Das ermöglicht erst das Internet of Things, weil die Usability hierdurch soweit verbessert wird, dass man kein Technik-Freak mehr sein muss, um seine Geräte zu vernetzen.

Und was nützt uns das?

Die Vernetzung von Geräten erlaubt ein Vielzahl von Funktionen. Unter anderem entstehen dabei auch Daten, die man strukturieren und aus denen man lernen kann. Schon allein durch die Interaktion mit dem Smartphone lassen sich Daten erfassen, die zur Therapie gegen Depressionen oder zur Früherkennung von Parkinson eingesetzt werden können. Mit externen Geräten kann man dann z.B. Vitatlitätswerte messen, mit denen Sportler oder Patienten ihre Leistung verbessern oder Linderung bei chronischen Erkrankungen erfahren. Aber auch in anderen Bereichen werden immer mehr Daten zur Verfügung stehen, die dabei helfen können, seine intellektuellen Fähigkeiten zu verbessern oder sich neue positive Gewohnheiten anzueignen.

Wird das dann in den Massenmarkt eindringen?

Davon bin ich überzeugt. Es gibt den Trend, dass die Gadgets stärker wie Schmuck aussehen. Zum Beispiel ein Schrittzähler als Button, Ohrring oder Brosche. Bei vielen Profisportlern und Celebrities ist das schon zu einer Art Fashion Statement geworden. Die amerikanische Vogue hat erst kürzlich einen umfassenden Bericht zu Aktivitätstrackern veröffentlicht. Aber auch jenseits von Ästhetisierung und Hype haben diese Technologien viele Vorteile zu bieten und werden sich deshalb durchsetzen. lg

Florian Schumacher gründete 2007 die Quantified Self Community in Deutschland, inspiriert von den Headquarters in der San Francisco Bay Area. Auf seinem Blog igrowdigital bloggt er zum Thema. Er hält außerdem Vorträge und testet Gadgets als Trendscout.

 06. SEPTEMBER 2013 erschienen auf „The Narrative“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s