Interview: Journalist Simon Sturm braucht kein Papier für Storytelling

Wie soll der Journalismus der Zukunft aussehen? Simon Sturm beschreibt in seinem Buch (das im Web erweitert wird) neue Formen des digitalen Geschichten erzählens.

Simon Sturm
über digitales Storytelling:
„Warum am Medium Papier festhalten?“

INTERVIEW: Wie kann die Zukunft der Zeitung aussehen? Simon Sturm hat ein Buch über „digitales Storytelling“ geschrieben, das er als Blog im Web fortsetzt. Im Interview erzählt er von neuen Erzählformen wie zum Beispiel Newsgames oder Multimedia-Reportagen. Sie sollen neue Zielgruppen ansprechen und Chancen für den Journalismus bieten.

Simon Sturm über digitales Storytelling: „Warum am Medium Papier festhalten?“

Der Springer-Funke-Deal, der Verkauf der Washington Post an Amazon-Gründer Jeff Bezos – die Zukunft der Zeitungen wackelt. Eine Debatte um neue Formen des Journalismus ist entbrannt. Dabei kommen vor allem Chefredakteure und etablierte Journalisten zu Wort. Aber was sagt eigentlich der journalistische Nachwuchs dazu – etwa Sie als ein 30-jähriger Multimedia-Redakteur? 

Was in meinen Augen bei der Debatte oft untergeht: Print ist zunächst einmal bloß ein möglicher Informationsträger von vielen – so wie es früher für Musik oder Filme auch mal Kassetten gab. Danach schreit doch heute in Zeiten von Internetdiensten wie Spotify oder iTunes auch keiner mehr. Alte Techniken werden eben durch neuere ersetzt. Also warum am Medium Papier festhalten, wenn es um guten, zukunftsfähigen Journalismus geht?

Wie muss sich denn das Storytelling verändern?

Es wird noch immer viel zu oft vom Text her als Ausgangsform gedacht. Warum kann ein Beitrag zum Beispiel nicht mal mit einem kurzen Intro-Video beginnen, bevor ein Text kommt?  Warum ein Thema nicht öfter mal datenjournalistisch auf einer Karte oder in einer interaktiven Infografik umsetzen? Im besten Fall sollte von Beginn der Recherche an überlegt werden, mit welcher Medienart welcher Aspekt einer Geschichte am besten erzählt werden kann. Die einzelnen Module ergeben dann zusammen den digitalen Mehrwert, den User nur auf digitalen Plattformen bekommen können.

War das auch der Grund dafür, dass Ihr Buch über digitales Storytelling nicht bloß gedruckt erschienen ist, sondern auch als eBook mit einer dazugehörigen Website, auf der Sie auch bloggen?

Ja, absolut. Es tut sich derzeit so viel im digitalen Journalismus, dass ein gedrucktes Fachbuch dazu schon fast veraltet daher kommt, bevor es überhaupt erschienen ist. Aus dem eBook können außerdem die vielen Beispiellinks schnell und direkt aufgerufen werden. Auf der Webseitedigistory.de kann ich das Gedruckte digital weiterführen.

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Welche neuen Erzählweisen des digitalen Journalismus werden in dem Buch beschrieben?

Sehr spannend finde ich etwa das Webdoku-Format oder die Form derMultimedia-Reportage, wie sie kürzlich auch Zeit Online mit einem Special zur Tour de France umgesetzt hat – ähnlich wie zuvor schon die New York Times mit „Snowfall“ oder der Guardian mit „Firestorm“. In diese Richtung muss es gehen. Auch wenn in der täglichen Praxis natürlich nicht jedes Thema so opulent erzählt werden kann.

Eine andere digitale Form, über die Sie auch schon gebloggt haben, sind Newsgames. Wie passen Journalismus und Games zusammen?

Auf den ersten Blick nicht so richtig. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Newsgames bieten die Chance, eine Nachricht spielerisch zu transportieren, sie erfahrbar zu machen. Gerade systemische Zusammenhänge können für den User so greifbarer und verständlicher werden. Allerdings ist die Produktion von Newsgames oft sehr aufwendig und dadurch teuer. Sie sind also noch eine Nische im digitalen Storytelling, auch wenn in den USA immer mehr Medien mit dieser Form experimentieren.

Können Sie an einem Beispiel den Reiz von Newsgames beschreiben?

Eines der neueren Newsgames ist etwa „Endgame: Syria“. In diesem Spiel nimmt der User die Rolle eines syrischen Rebellenführers ein. In spielerischer Form wird dem User so der Bürgerkrieg in Syrien vermittelt. Alle Hintergründe in dem Spiel basieren auf wahren Ereignissen, die wie bei anderen journalistischen Darstellungsformen vorher recherchiert werden mussten. Auch hier mussten Fakten geprüft und eingeordnet werden – ähnlich wie für eine klassische Print-Reportage. Nur die Vermittlung der Informationen ist eben eine ganz andere: viel subtiler und erfahrbarer.

Kann ein Newsgame sogar andere Darstellungsformen gänzlich ersetzen?

Nein, es kann in meinen Augen immer nur eine Ergänzung sein, nur ein Teil der Berichterstattung zu einem Thema. Aber sie bieten eine große Chance: Geradejüngere Menschen, die mit Videospielen aufwachsen und kaum mehr mit klassischen Medien in Berührung kommen, können mit einem Newsgame vielleicht wieder erreicht werden. Und wenn sie einmal im Spiel drin sind, wollen sie vielleicht auch mehr zum Thema erfahren.

Das Newsgame als Einstiegs-News sozusagen.

Ja, im besten Fall als Einstieg in ein Thema, mit dem sich viele User sonst vielleicht nie so ausführlich beschäftigt hätten. In meinen Augen eine Chance für Medienhäuser, auch wieder mehr junge Menschen für journalistische Produkte zu begeistern. lg

 

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