Interview: Journalistentrainer Robb Montgomery berichtet mobile-to-mobile

Wenn Nachrichten auf dem Smartphone konsumiert werden, wieso produziert man sie dann nicht auch dort? Journalistentrainer Robb Montgomery propagiert das „Smartphone als Newsroom“ und erklärt im Interview, wie das geht.

Robb Montgomery:
Das Smartphone als Newsroom
macht Storytelling multimedialer

Robb Montgomery ist Journalist und unterrichtet Redaktionen darin, ihr Smartphone als Newsroom zu benutzen. Das heißt, Berichte bestehen nicht nur aus Text, sondern auch aus mobil produzierten Video- und Audiobeiträgen. Wie das genau funktionieren soll, erklärt er im Interview.

Robb Montgomery: Das Smartphone als Newsroom macht Storytelling multimedialer

English Version

Herr Montgomery, Sie bringen Journalisten in einwöchigen Workshops bei, multimediale Inhalte mit dem Smartphone zu produzieren. Heißt das, Journalisten müssen noch mehr zur eierlegenden Wollmilchsau werden?

Das auch, aber auch der Inhalt selbst. Die Artikel selbst haben einen gewissen Wert im Internet. Und das Netz ist ein visuelles Medium. Lange Texte haben ihren Platz und ihre Leser. Aber das ist nicht die Art von Inhalt, die für die Mehrheit der User funktioniert. Was Journalisten lernen müssen, ist für das Web zu schreiben. Das heißt oft: Um Daten, Grafiken oder Bilder herum schreiben. Das heißt, anders schreiben. Wenn wir von einem Bericht reden, denken wir nicht mehr unbedingt an einen Text, das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Das ist eine elementare Veränderung, vor allem für traditionelle Journalisten.

Und wie soll das dann aussehen?

Auf Smartphones wird vermehrt hochqualitative Berichterstattung produziert und auch konsumiert. Also mobil zu mobil, das ist ein aufkommender Trend. Das sieht man mit Apps wie „Vine“, „Instagram“ oder „Circa“ für kurze News. Es gibt eine Reihe von Firmen, die nicht mal eine Website haben. Journalisten müssen andere Fähigkeiten haben.

Welche Fähigkeiten? Müssen sie zum Medienproduzenten werden?

Ja, sie müssen auch viel mehr wie ein Produzent denken. Sie müssen extrem prägnant und auf den Punkt arbeiten und müssen intuitiv wissen, wie man verschiedene Medien im Bericht verwendet. Nicht nur Weblinks, sondern auch mal eine Fotocollage, ein O-Ton oder ein Video. Spezialisierung ist immer noch wichtig, aber Newsrooms werden sich verstärkt auf Journalisten verlassen, die Geschichten auf viele Arten erzählen können. Wenn sie diese verschiedenen Formen verwenden, sind sie oft beliebter bei den Nutzern. Man muss dort hin gehen, wo die User sind.

Denken traditionelle Verlage und Journalisten nicht genug wie ein Marketer?

Sie denken, jede große Story besteht aus 10 000 Worten. Diese große Story könnte aber auch eine ganz andere, nicht-lineare Erfahrung sein. Wir versuchen ja nicht nur, Geschichten anders zu erzählen, sondern auch anders Geld zu verdienen. Irgendwann sagen sie: Wenn wir im Internet kein Geld verdienen, warum sind wir dann im Internet? Vielleicht sollten wir das einfach überspringen und direkt zur App gehen, wo wir unsere Transaktionen besser kontrollieren können und auch personalisierter sein können. Vielleicht ist das die Chance.

Circa gilt oft als ein Best Practice für so eine News-App. Würden Sie das unterschreiben?

Circa ist einfach nur die erste App dieser Art zu dieser Zeit. Die Idee gibt es schon länger und heißt „Produktionstisch“. Nachrichtenagenturen hatten schon früher diese Tische, über die die Außenreporter und Auslandskorrespondenten ihre Berichte per Telefon übermittelten. Aber was Circa macht – das kann jeder. Das beste Feature ist, dass man einem Artikel „folgen“ kann, aber das kann jeder in seine App einbauen. Die haben zwölf Leute da sitzen, die anderer Leute Nachrichten kopieren, sonst haben die keine Reporter. Aber was, wenn alle Quellen im Netz versiegen? Es gibt einen riesigen Markt für das Aggregieren von News. Aber eine Sache, die Circa nicht macht, ist personalisieren. Im Gegensatz dazu sind die Algorithmen der Nachrichten-App „Zite“ darauf spezialisiert, ähnliche Inhalte zu finden und dir ein wirklich personalisiertes Magazin zu bieten. Ich benutze die App seit Jahren und sie wird nur immer besser, je mehr man sie benutzt.

In Deutschland wird erstmal noch viel über Webseiten nachgedacht. Was funktioniert denn online?

Kurze Videos funktionieren gut. Aber Video ist auch so ein weiter Begriff: Man kann alles machen vom rohen Videomaterial, über den Livestream bis zum Reporter-Bericht vor der Kamera.

Das geht alles mit dem Smartphone?

Ja. Für anspruchsvolle Bearbeitung sollte man das Video auf einen Computer bringen. Aber wenn man weiß, was auf einem Smartphone möglich ist und was nicht, kann man auch in simplen Formen kreativ werden.

Was sind diese Grenzen? Auf was muss man achten?

Das schwierigste an Interviews ist die technische Vorbereitung und die der Fragen. Außerdem muss man non-verbale Hinweise üben. (nickt) Und Pausen.

-Pause-

Darf man während der Audio-Aufnahme eines Interviews nicht selbst sprechen?

Ja, und das ist ziemlich schwer, denn man möchte Dinge gerne bestätigen und gleich in die nächste Frage springen. Man muss sich diese schlechten Angewohnheiten abtrainieren. Wenn die zwei Stimmen sich vermischen, gibt es keinen Zauberknopf, der die eigene Stimme löscht. Audio ist immernoch die schwierigste Disziplin. Deshalb lernt man in unseren Workshops die Technik, Technologie und Workflows für digitalen und multimedialen Journalismus. Das ist nicht nur für Redakteure wichtig, sondern auch für Chefredakteure.

Also müssen auch die Chefs verstehen, wie sich digitales Storytelling verändert?

Sie müssen mitmachen, es selbst erleben. Sie haben noch nie eine Geschichte auf diese Art erzählt. Und das muss sich ändern, die Chefredakteure in den Verlagen müssen programmieren können und Videos produzieren. Das sind die Fähigkeiten, die leitende Redakteure heute brauchen, zusätzlich zu Management- und Journalismus-Erfahrung.

Warum?

Das ist fast noch wichtiger, als dass die Reporter selbst diese Fähigkeiten haben. Denn Redaktionen sind immer noch hierarchisch organisiert. Ich denke, dass kultureller Wandel von der Führungsebene ausgehen muss. Wenn du diese Fähigkeiten nicht hast, kannst du nicht an dem teilhaben, was deine Leserschaft wirklich will. Das lernt man nicht aus PowerPoint-Präsentationen in Meetings. Diese Leute sind verloren, sie haben gerade erst ihr Smartphone gekauft und fragen die Kinder nach Rat. Da gibt es also eine starke Lernkurve. Es gibt Formen von Storytelling, die vor eine paar Jahren noch gar nicht machbar waren und jetzt sind die einfach in deiner Tasche. Trotzdem muss man das Step-by-Step beigebracht bekommen, um zu verstehen, was möglich ist.

Welche Apps benutzen Sie denn für die multimediale Berichterstattung?

CameraBambuser für Off-Stimmen oder Teleprompter, dv PrompteriMoviefür Videobearbeitung, Garage Band und Audio Evolution für Audio. Photo plusGPS ist toll, um Collagen und Panorama-Aufnahmen zu gestalten.

Danke für das Interview. lg

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