Interview: Marcus Bösch entwickelt Newsgames

Marcus Bösch gründete die Spieleschmiede „The Good Evil“, die für das erste deutsche Newsgame „Prism“ verantwortlich ist. Wie diese Form der Nachrichten den Journalismus verändern kann, überlegt der Game Designer im Interview.

Newsgames-Pionier
Marcus Bösch über den
„Shit, look at that!“-Moment

INTERVIEW: Auf der Suche nach der Rettung des Journalismus findet man neue Formen des Storytellings. Dazu gehören die so genannten Newsgames. Wir haben mit einem gesprochen, der das erste deutsche Newsgame überhaupt entwickelt hat: PRISM – The Game. Marcus Bösch erklärt, warum „innovationsfeindliche Verlage“ noch nicht viel über die Gamification wissen und warum sich das ändern sollte.

Newsgames-Pionier Marcus Bösch über den „Shit, look at that!

Herr Bösch, Sie haben im Januar 2013 das Game-Studio „The Good Evil“ mitgegründet, wo Sie vor allem so genannte Serious Games und Newsgames entwickeln. Davor waren Sie lange Journalist. Wie passt das zusammen?

Bei der Deutschen Welle habe ich mich mit neuen Formen des Online-Journalismus beschäftigt und bin dabei über das Buzzword Newsgames gestolpert. Mich haben die Möglichkeiten dieser Web-Documentarys und Audio-Slideshows etwas frustriert, die ja so en vogue waren. Da bieten Games einfach mehr Interaktivität.

Sind Newsgames der neue Trend im Online-Journalismus?

Seit Beginn der Nullerjahre sehe ich einen Anstieg im Interesse. Vor allem im angelsächsischen Raum und in Lateinamerika gibt es immer wieder Phasen, in denen das Thema Newsgames aufgegriffen wird. Ich persönlich sehe darin eine Möglichkeit für interaktiven, digitalen Journalismus im 21. Jahrhundert. Es ist nicht die eine glorreiche Zukunft des Journalismus, aber eine mögliche Spielart.

Gibt es in Deutschland schon Verlage, die solche Games umgesetzt haben?

Wir haben mit PRISM das allererste deutsche Newsgame überhaupt entwickelt. Ich weiß aus erster Hand von Verlagen und öffentlich-rechtlichen Medienanbietern, dass da Interesse besteht. Vor kurzem unterrichtete ich in der RTL Summer School, wo das Thema Newsgames im Mittelpunkt stand. Das heißt, das Thema ist da und wird untersucht.

Also ist das Thema in Deutschland noch etwas ganz Neues?

Naja, das kommt darauf an, wie eng man den Begriff Newsgames sieht. Denn generell haben Spiele im Journalismus eine lange Tradition, allein schon durch Kreuzworträtsel in der Tageszeitung, die es seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Auch die könnten zu Newsgames im weiteren Sinne zählen, wenn sie beispielsweise Inhalte aus dem Journalismus behandeln. Zeit Online zum Beispiel hat jeden Morgen eine Art E-Mail-Quiz. Wenn man möchte, kann man darin auch eine Art Newsgame sehen. Wobei das natürlich aus Gamedesign-Sicht relativ schmal ist.

Das ist ja die Frage: Wann ist ein Newsgame ein Newsgame?

Das ist eine gute und berechtigte Frage. Da wir uns aber in einer Phase des Ausprobierens befinden und die Newsgames sowieso nur eine Nische in der eh schon kleinen Nische der Serious Games sind, würde ich im Moment sagen: Newsgames sind im weitesten Sinne Spiele, die im Kontext des Journalismus platziert sind und den Journalismus voranbringen.

Welche News eignen sich überhaupt für ein Newsgame? Welche Kriterien gibt es da?

Man sollte ein Thema suchen, wo es messbare Daten gibt. Und man sollte nach Verben Ausschau halten, am Besten nicht so offensichtliche wie „springen“, „schießen“ oder „schlagen“. Dann sollte das Thema über den Tag hinaus eine Relevanz haben. Bisher gab es Newsgames beispielsweise zum Israel/Palästina-Konflikt, zu Drogenkartellen in Lateinamerika oder zu PRISM. Das sind alles Themen, die journalistisch länger haltbar sind als ein paar Stunden oder Tage.

Bei deutschen Verlagen spüre ich eine Tendenz zur Innovationsfeindlichkeit und blankes Unwissen.

Wie können Verlage das praktisch umsetzen? Was ist der Grund dafür, dass sie es bis jetzt noch nicht tun?

Warum das noch nicht passiert, hat glaube ich zwei Gründe: Eine generell spürbare Tendenz zur Innovationsfeindlichkeit und blankes Unwissen. Ich arbeite auch in der Journalistenfortbildung und stelle fest, dass das Wissen um neue Möglichkeiten des Online-Journalismus, die jenseits deutscher und europäischer Grenzen schon seit Jahren eingesetzt werden, noch sehr begrenzt ist. Da wird dann lediglich etwas wie „Snowfall“ als Musterbeispiel einmal durchgereicht. Und verschwindet wieder in den Weiten des Netzes.

Und in der Zukunft?

Ich kann mir vorstellen, dass sich kleinere Newsgames in einigen Jahren von Redaktionen einfach umsetzen lassen. Die New York Times ist da einer der Vorreiter. Der Schreibtisch des Redakteurs und der Schreibtisch des Programmierers stehen da jetzt häufiger nebeneinander. Was da entsteht, sind vollkommen neue journalistische Produkte, die sich auch besser im Web machen.

Was kann und will ein Newsgame bewirken?

Man muss zwei Herangehensweisen unterscheiden. Die eine ist: Newsgames können in ein Thema einführen und Leute abholen, die vielleicht auch für die klassische Tageszeitung verloren sind. Das ist ein sehr moderner, interaktiver Weg. Wenn man die Leute abgeholt hat, kann man ihnen danach auch klassische Inhalte besser vermitteln. In diesem Fall ist ein Newsgame der thematische Öffner, der „Shit, look at that!“-Moment, wo man denkt „hier kann ich was machen, hier bin ich selbst involviert“.  Die andere Methode für etwas komplexere Newsgames ist: Dieses Game beinhaltet die gesamte Botschaft und den Inhalt, den ich sonst in einem Themenpaket hätte. Das Erstere geht schneller. Das Zweitere dauert länger und ist komplizierter.

Newsgames funktionieren gut in Ergänzung mit einer Reportage 

Lassen sich so auch neue Zielgruppen erschließen?

Vielleicht. Ich bin da generell skeptisch. Wenn man sich das Durchschnittsalter von Gamern generell anschaut, dann sind das eben nicht unbedingt junge Leute, sondern deutlich ältere Leute, als man denkt. Der durchschnittliche Gamer ist in der zweiten Hälfte der 30er und es sind online im Bereich Casual Games auch viele Frauen jenseits der 40 unterwegs. Das heißt, das sind vielleicht gar nicht die Zielgruppen, die man zunächst im Blick hat.

Gehören Newsgames zum Bereich „Immersive Storytelling“, also wenn Geschichten ihre Leser miteinbeziehen?

Im Moment habe ich das Gefühl, dass Wissenschaftler solche Begriffe einfach erfinden, um ein Feld zu besetzen. Ich möchte mich da nicht festlegen. Der Punkt ist, dass Games nicht immer per se ideal sind, um journalistische Storys zu erzählen. Aber Games sind super, um Systeme zu erklären. Zum Beispiel das Newsgame von Wired „Cutthroat Capitalism“ gab es in Ergänzung zu einer gut geschriebenen Reportage. Ich glaube, in dieser Kombination funktionieren Games im Journalismus gut.

Könnte so ein Newsgame die klassischen journalistischen Darstellungsformen ganz ersetzen?

Warum eigentlich nicht? Ian Bogost, der auch die einzige Monographie zu dem Thema geschrieben hat, spricht von der prozeduralen Rhetorik. Dieses Begriffspaar besagt, dass neue Inhalte in neuen Mechaniken einen völlig neuen Erfahrungsreichtum schaffen können. Wenn man sich die Geschichte anschaut, gab es ein paar Jahrtausende, in denen die Schrift kaum eine Rolle spielte, die orale Tradition war stärker ausgeprägt. Wenn man in großen historischen Maßstäben denkt, wird die flächendeckende Verbreitung des Internets journalistische Darstellungsformen mindestens ähnlich nachhaltig verändern wie die Erfindung des Buchdrucks. Newsgames werden historisch dann vermutlich nur eine von zahllosen Begleiterscheinungen und Randnotizen sein. lg

21. AUGUST 2013 erschienen auf „The Narrative“

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