Interview: Martin Spindler über das Internet der Dinge

Wenn vernetzte Mülleimer die Handydaten ihrer Passanten scannen, steckt das Internet der Dinge dahinter. Martin Spindler berät Firmen zum Thema und erklärt, warum Waschmaschinen schon heute mit dem Internet verbunden sind.

Connectivity-Experte Martin Spindler: Wie das Internet der Dinge unser Leben effizienter macht

INTERVIEW: Martin Spindler engagiert sich in diversen Initiativen und berät Firmen zum Thema Internet of Things. Besonders der Bereich Smart Cities hat es ihm angetan: Wie werden wir in Zukunft leben? Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn alle Geräte vernetzt sind und über Smartphones steuerbar? Wie das Internet der Dinge zu sozialer Exklusion führen kann, erklärt der Experte im Interview.

Connectivity-Experte Martin Spindler: Wie das Internet der Dinge unser Leben effizienter macht

Herr Spindler, welche technischen Geräte gibt es heute schon, die zum Internet der Dinge gehören?

Da gibt es schon erstaunlich vieles. Zum Beispiel „Nest“, ein Heizungsthermostat, der weiß, wann du nach Hause kommst und wann du ins Büro gehst, und danach sehr clever die Heizung programmiert. Der Thermostat hat auch eine Internetverbindung, das heißt, man kann ihn vom Smartphone aus steuern.

Wie steht es um den Trend Quantified Self, also die ständige Messung und Überwachung des eigenen Körpers durch elektronische Geräte? Gehört das auch zum Internet der Dinge?

Ja, diese Health Tracking-Geräte gehören auch dazu, wie das Jawbone Up und Nike Plus. Von Withings gibt es beispielsweise eine Körperwaage, die mit dem Internet verbunden ist. Meist ist man ja nicht an seinem Gewicht an sich interessiert, sondern wie es sich entwickelt, also ob man zu- oder abnimmt. Das erleichtert diese Waage enorm.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist Car Sharing, die Gemeinschaftsnutzung von Autos. Das funktioniert nur, weil die Autos mit dem Internet verbunden sind. Wenn ich meine Smartphone-App aufmache, sehe ich sofort: Wo ist ein Auto? Dann kann ich es direkt von meinem Smartphone aus buchen.

Stichwort vernetzte Autos: Manche gehen davon aus, dass es in der Zukunft keine Privatautos mehr geben wird, sondern nur noch vollautomatische Taxis. Was sind Ihre Zukunftsvisionen?

Ich bin mit solchen Visionen vorsichtig. Aber ich finde die Vision der selbstfahrenden Autos auch ziemlich interessant. Ich weiß allerdings nicht, ob Menschen bereit sind, sich in selbstfahrenden Autos herumchauffieren zu lassen. Dafür haben viele noch eine zu starke Beziehung zu ihrem Auto.

Welche Neuerungen sind in nächster Zeit realistisch?

Städte werden intelligenter. Ein intelligentes Stromnetz wird auf jeden Fall kommen, wo dann zum Beispiel der Kühlschrank seinen Verbrauch selbst regelt.

Also alles wird vollautomatisiert funktionieren?

Das Internet der Dinge wird einen Großteil unseres Lebens effizienter und angenehmer machen. Warum hat eigentlich nicht jetzt schon jedes Auto einen Sensor, der nachverfolgt, wie schnell und wo es fährt? Um in Sekundenbruchteilen mitteilen zu können: Oh, da entwickelt sich ein Stau, fahr lieber hier lang. Das hätte das Resultat, dass es deutlich weniger Staus generell gäbe. Das große Thema ist, mit mehr Daten aus der realen Welt deutlich besser mit der realen Welt klar zu kommen.

Wir reden ja von einem Technologie-Trend, der unseren ganzen Alltag verändert. Wie bedeutend ist dieser Umschwung?

Er wird mittelfristig extrem bedeutend sein. Mikrochips werden immer günstiger. Das heißt, dass sie in immer mehr Alltagsgegenständen verbaut werden. Aber es ist wie so oft: Technologische Trends werden kurzfristig massiv überschätzt und langfristig massiv unterschätzt. In zehn Jahren wird unser Leben deutlich anders aussehen. Wo genau, das ist schwierig vorauszusehen. Genauso wie man 1993 kaum hätte Facebook voraussehen können.

Das führt uns zu einem weiteren Stichwort: Datenschutz. Der Big-Data-Spezialist Viktor Mayer-Schönberger behauptet, Big Data sei so bedeutend wie die Aufklärung. Wie stehen Sie dazu?

Das ist ein extrem schwieriges Thema. Wir hätten da eigentlich eine Kosten-Nutzen-Analyse machen müssen, aber die wird natürlich nicht durchgeführt, weil Datenschutz international nicht standardisiert ist. Wir haben extreme Probleme damit, gerade im Bereich Smart Cities.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Vor kurzem gab es diese intelligenten Mülleimer in London, die prinzipiell erstmal ganz gut sind. Sie hatten große Displays, die mir sagen könnten, welche U-Bahn Verspätung hat. Oder sie könnten melden, wann sie geleert werden müssen. Aber dann stellte sich heraus, dass die Mülleimer auch die Telefone der Passanten erkennen und man damit Bewegungsprofile erstellen konnte. Ich denke, dass die komplette Industrie da noch nicht weit genug denkt. Datenschutz ist zwar im Internet mehr oder weniger angekommen, das Problem ist aber, dass die großen Technologie-Konzerne für das Internet der Dinge, also Siemens, Panasonic, Bosch, damit noch nicht so viel Erfahrung haben.

Welche Konsequenzen kann das haben?

Wenn wir uns Städte anschauen, dann ist da die große Frage: Wie kann ich überhaupt eine Einwilligung bekommen von den Leuten, die diese Stadt in Anspruch nehmen? Also wenn da jemand einen Sensor aufstellt, der misst, wie viele Leute in seinen Laden reinkommen, muss er ein großes Schild aufstellen? Ich weiß es nicht, denn vor allem ist die Frage ja auch: Kann man mit diesen Daten überhaupt etwas anfangen? Das große Problem bei Big Data ist ja, dass jeder einzelne Datensatz an sich gar nicht viel aussagt. Wenn man aber mehrere Datensätze kombiniert, dann bekommen wir erschreckend detaillierte Bilder. Ich bin mir sicher, dass wir dafür Lösungen entwickeln werden.

Wird das Thema Datenschutz Ihrer Meinung nach ausreichend diskutiert?

Der Diskurs ist da, hat aber noch nicht die Masse erreicht. Aber gerade wenn es um Smart Cities geht, dann geht es ja auch um politische Teilhabe und Chancengleichheit, das muss auch diskutiert werden.

Was hängt das zusammen?

Wenn städtische Dienstleistungen nur über Smartphones verfügbar sind, dann schließe ich eine große Bevölkerungsgruppe aus, die keine Smartphones besitzt. Wenn städtische Dienstleistungen komplett gemessen werden, wird natürlich nur das gemessen, was auch messbar ist. Es gibt dieses schöne Beispiel von Rio de Janeiro, von dem man ja sagt, es sei die erste wirkliche Smart City. Die Müllentsorgung und die Polizeipräsenz kann man nachverfolgen. Das Problem ist, dass das auch nur da gemessen wird, wo es auch möglich ist. Das heißt, in den Favelas  findet überhaupt keine Müllentsorgung statt, die tauchen in diesen Statistiken nicht auf. Da muss man extrem vorsichtig sein, inwiefern das nicht auch zu sozialer Exklusion führt.

Sie arbeiten auch als Unternehmensberater. Wie müssen sich Firmen dem Thema nähern?

Es ist meine feste Überzeugung, dass neue Technologie es schwer hat, in den Massenmarkt einzudringen. Neue Technologie kommt meistens erst über neue Geschäftsmodelle in den Markt. Zum Beispiel haben es Elektroautos in den USA sehr schwer, weil die Kunden eine irrationale Angst vor der Beschränkung der Reichweite haben. BMW hat es geschafft, die Kunden davon zu überzeugen, indem sie beim Kauf eines Elektroautos das Anrecht bekamen, bis zu drei Wochen im Jahr ein SUV zu mieten. Das ist ein neues Geschäftsmodell.

Ist es auch schwierig, weil die Kunden nicht sofort den Nutzen der Vernetztheit erkennen?

Connectivity allein ist kein Mehrwert. Nur weil irgendwas mit dem Internet kommunizieren kann, heißt das nicht, dass der Kunde das will oder kauft. Die Frage ist: Was macht man damit? Es wird erst dann wirklich spannend, wenn wir die Technologie als gegeben ansehen und dann überlegen, wofür wir sie nutzen. lg

 

04. DEZEMBER 2013 erschienen auf „The Narrative“

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