Interview: Medienwissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt weiß, was Leser wollen

Jan-Hinrik Schmidt erforscht, was Onine-Leser von Nachrichtenseiten erwarten. Der Social Media-Auftritt sei deshalb oft ein Must-have für Redaktionen, sagt der Medienwissenschaftler.

Leser fordern Einblicke:
Welches neue Selbstverständnis Journalisten heute brauchen

INTERVIEW: Medienwissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt erforscht in einer neuen Studie, wie Online-Nutzer mit Nachrichtenseiten interagieren. Denn im Web 2.0 ist Journalismus keine Einbahnstraße, sondern erfordert Mut zum offenen Diskurs.

Leser fordern Einblicke: Welches neue Selbstverständnis Journalisten heute brauchen

Als Medienwissenschaftler erforschen Sie aktuell am Hans-Bredow-Institut in Hamburg, wie sich die neuen Medien auf den Journalismus auswirken. Ist denn der Wunsch der Leserschaft nach Partizipation im Web 2.0 gestiegen?

Es gibt Personen, die erwarten sehr viel stärker als früher Beteiligungsmöglichkeiten im Journalismus. Es gibt aber auch einen Teil des Publikums, der völlig damit zufrieden ist, passive Rezipienten zu bleiben. Das aktive Publikum erwartet zum Beispiel, einen Artikel kommentieren zu können oder dass es eine Facebook-Seite gibt. Diese Gruppe kann man auch noch mal nach dem Aktivitätsgrad unterteilen. Es gibt diese Faustregel: 90 – 9 – 1, von einer bestimmten Gruppe bleibt ein großer Teil passiv, ein kleinerer Teil ist aktiv, und von denen gibt es dann auch noch mal einen ganz kleinen Kern, der für eine Vielzahl von nutzergenerierten Inhalten verantwortlich ist.

Wie haben sich die Erwartungen dieser Nutzer also verändert?

In dieser Hinsicht ist das Publikum für journalistische Inhalte eben nicht mehr das einheitliche Massenpublikum, wie man es noch aus Zeiten der Massenmedien kannte. Das ändert sich durch Beteiligungsmöglichkeiten in den sozialen Medien. Manche Gruppen im Publikum erwarten bestimmte Feedback-Möglichkeiten, oder dass die Journalisten Transparenz zu ihrer eigenen Arbeit herstellen. Sie erwarten unter anderem, dass man als Nutzer einen Einblick in die Recherche bekommt oder in die Themenauswahl.

Gibt es durch das Web 2.0 auch mehr aktive User oder sind heute dieselben aktiv, die es früher auch schon waren?

Es gab natürlich auch schon vor dem Internet Beteiligungsmöglichkeiten: Leserbriefe, das Radio hat eine lange Tradition von Call-in-Shows, beim Fernsehen gab es Ted-Abstimmungen. Die klassische One-to-one-Kommunikation hat sich nicht geändert, die Nutzer möchten in dem Fall direkt mit einzelnen Journalisten nicht-öffentlichen Kontakt aufnehmen oder sie möchten auf einen Fehler hinweisen. Wo man eine Veränderung und Zunahme feststellt, sind die Bereiche, in denen es um öffentliche Partizipation geht, also Kommentarbereiche von Artikeln oder Facebook-Seiten von journalistischen Angeboten. Das ist eine Form von Publikumsbeteiligung, die war vorher technisch nicht möglich. Es ist nun für mehr Menschen möglich, sich niedrigschwellig mit einem Like oder Retweet zu Wort zu melden, ohne dass man gleich einen Brief schreiben und den zur Post bringen muss.

Was sind dann die Motive, sich zu beteiligen?

Wir haben vier nachrichtenjournalistische Angebote untersucht. Dominierend war das Motiv: Seine eigene Meinung öffentlich einzubringen. Stark vertreten war auch der Wunsch, gemeinsam mit anderen sein Wissen zu teilen und zu erweitern. Bei Leserbriefen ist ein klassisches Motiv: Den Journalisten auf Fehler hinweisen.

Und was wären keine Motive?

Auch interessant. Der Wunsch, zu Journalisten eine Beziehung aufzubauen, ist für die allerwenigsten von Interesse. Es ist also nicht so, dass die Leute Freundschaften zu Journalisten schließen möchten. Sondern es geht in der Regel um das Thema des Artikels und dazu seine Meinung zu sagen oder sich mit anderen auszutauschen.

Auf welchen Plattformen sollten die Redaktionen denn aktiv sein? Wo sind die deutschen User?

Von der Verbreitung solcher Angebote her wäre Facebook am relevantesten, in Deutschland ist das die Plattform mit den meisten Usern. Twitter hat deutlich weniger. Die Websites der Medien selbst sind aber das Entscheidende. Bevor man auf Facebook oder Twitter geht, sollte man prüfen, ob man nicht auf der eigenen Website Kommentarbereiche oder Foren schafft. Man muss bei alldem aber auch aus Sicht der Redaktion bedenken, dass all das Ressourcen bindet. Man muss den Aufwand in Sachen Betreuung, Moderation, möglicherweise auch Krisenmanagement gegen den Nutzen aufrechnen. Deshalb würde ich nicht per se sagen, alle journalistischen Anbieter sollten einen Facebook-Account haben. Sie sollten prüfen, ob das bei ihrer Zielgruppe, mit ihren Themen und Ressourcen sinnvoll ist.

Was wäre der Wert eines solchen Facebook-Auftritts?

Es gibt ein ökonomisches und ein publizistisches Argument. Das ökonomische ist Kundenbindung. Man kann die Erwartungen der Gruppe von Lesern bedienen, die Partizipation will. Indem man Transparenz über das eigene Arbeiten und Ansprechpartner schafft, kann es auch sein, dass die Nutzer sich mit der eigenen Marke identifizieren, dass sie sagen: Denen vertraue ich. Aus publizistischer Sicht hat es auch viel mit dem journalistischen Selbstverständnis zu tun: Wenn ein Journalist sich als Stifter von Gesprächen oder als kuratierender Redakteur versteht, der eben nicht mehr den Anspruch hat: Ich verkünde jetzt die Wahrheit. Also diese journalistische Haltung, eher Gespräche anzustoßen und gemeinsam mit den Lesern das Relevante vom Irrelevanten zu filtern. Das ist eine publizistische Funktion, weil man eben auf Twitter gemeinsam mit den Nutzern auch an Quellen kommt, die der Journalist alleine vielleicht gar nicht finden würde.

Inwiefern verändert sich denn dann der Journalismus an sich?

Die Veränderung des Journalismus findet ja auf verschiedenen Ebenen statt. Dass zum Beispiel alle großen Anbieter ganz selbstverständlich im Internet zu finden sind. Wir finden hinter den Kulissen Veränderungen im Bereich der redaktionellen Strukturen, dass spezielle Stellen eingerichtet werden, die etwas mit Community Management zu tun haben. Und wir haben den Bereich, der mit dem journalistischen Selbstbild zu tun hat. Das ist das, was sich in der Regel am langsamsten verändert. Da können wir aus unserer Studie auch nur allererste Anhaltspunkte entnehmen, aber wir sehen, dass es bei den Leuten, die in ihrem Arbeitsalltag stärker mit Publikumsbeteiligung zu tun haben, also zum Beispiel Social Media-Redakteure, dass sie diese neuen Facetten von journalistischem Selbstverständnis stärker bejahen.

Wie muss denn der Journalist der Zukunft aussehen?

Wenn man davon ausgeht, dass ein wesentlicher Aspekt des Journalismus das schnelle und umfassende Informieren ist, dann ist im Internet auf lange Sicht nicht unbedingt Platz für 20 oder 100 Angebote, die immer versuchen, die ersten zu sein bei einer Meldung. Für viele Journalisten wird es entscheidend sein, sich auf Dinge zu besinnen, die etwas mit Einordnen und Kommentieren zu tun haben.

Auch in bestimmten Nischen?

Ja, es kann sein, dass man sich auf bestimmte Themen spezialisiert. SpOn hat zwar seine Ressorts, aber wenn man sich wirklich für Netzthemen interessiert, findet man fundierte Informationen zu einem bestimmten Nischenthema eher in Blogs. Aber es wird auch immer Bedarf für Universalportale geben. lg

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