Interview: Professor Dan McAdams erzählt die Geschichte der narrativen Psychologie

Menschen brauchen Geschichten. Sie definieren sich über verknüpfte Erkenntnisse über sich selbst und erklären sich so gegenüber anderen. Dan McAdams ist Professor der narrativen Psychologie und erklärt seine Theorie.

Dan McAdams: Geschichtenerzähler sind erfolgreicher

Die Narrative Psychologie geht davon aus, dass Menschen sich über Geschichten definieren. Professor Dan McAdams von der Northwestern University in Chicago hat die Theorie mitgeprägt. Was eine gute Story ausmacht und was es für „Urgeschichten“ gibt, erzählt der Wissenschaftler im Interview.

Dan McAdams: Geschichtenerzähler sind erfolgreicher

Professor McAdams, warum sind Geschichten so wichtig?

Menschen scheinen sich hauptsächlich über Geschichten zu erklären, anderen und sich selbst gegenüber. Wenn wir verstehen wollen, wie Menschen sich verhalten, wie Beziehungen funktionieren und wie die Gesellschaft arbeitet, liefern ihre Narrationen meist die befriedigendsten Antworten. Sie sind besonders effektiv, um Lebensveränderungen im Zeitablauf zu begründen. Diese Erzählungen bestehen aus einer Handlung, Protagonisten, Bildern und einem Thema. Geschichten handeln davon, wie Menschen mit ihren Wünschen, Überzeugungen und Ängsten über eine Reihe von Ereignissen hinweg umgehen.

Was genau ist die Funktion einer Geschichte?

Geschichten haben viele Funktionen. Eine Geschichte existiert meistens, um den Zuhörer zu unterhalten, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen oder seine Emotionen anzuregen. Darüber hinaus können Geschichten weiterbilden und belehren; sie können auch dazu benutzt werden, Menschen zu heilen. Gleichzeitig können Geschichten zerstörerisch sein, revolutionär oder subversiv. Sie können verführen. Es gibt nicht nur eine Funktion, aber die Basis muss sein, zu unterhalten oder die Aufmerksamkeit und Emotionen anzuregen. Wenn sie das nicht tun, können sie wahrscheinlich auch sonst nichts.

Was kommt zuerst: die Geschichte oder die Identität eines Menschen?

Einfache Formen von Identität gibt es schon vor der Lebensgeschichte. Kinder wissen auch schon, wer sie sind, sie können ihren Namen nennen, wo sie herkommen und kennen grundsätzliche Wesensmerkmale wie „Ich bin nett/ schüchtern/ etc“. In der weiteren Kindheit können sie Identitäten um ihre Ziele und Werte entwickeln. Erst später, im Teenager- und Erwachsenenalter, beginnen Menschen damit, ihr Leben als sich entwickelnde Geschichten im Zeitablauf wahrzunehmen. Sie basteln sich eine „Narrative Identität“ – eine innere und sich kontinuierlich entwickelnde Geschichte über: Wer bin ich? Wie bin ich so geworden? Und wo gehe ich hin? Diese Lebensgeschichten formen sich durch soziale Kontakte, Selbstbeobachtung und viele andere Mittel. Meine narrative Identität hilft mir, mein Leben mit Einigkeit und Sinn zu füllen.

Sie haben in Ihrem Buch „The Redemptive Self“ über die Ur-Themen der US-Amerikaner geschrieben. Was gibt es da für wiederkehrende Geschichten?

Auf einem sehr verallgemeinerten Level gibt es diese grundsätzlichen Typen von Geschichten. Aristoteles redete von Komödien und Tragödien; Literaturwissenschaftler würden Romantik/Abenteuer und Ironie/Satire hinzufügen. Verschiedene Kulturen favorisieren verschiedene Arten von Geschichten. Ich habe fast 20 Jahre mit dem Studium von „Erlösungs-Erzählungen“ („redemptive narratives“) verbracht, die in der US-amerikanischen Kultur vorherrschen. In diesen Geschichten lernt ein Protagonist früh, dass er in irgendeiner Art besonders oder gesegnet ist, gleichzeitig aber auch, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist. Der Protagonist kommt zu dem Schluss, dass er dazu bestimmt ist, etwas Gutes zu tun, fast wie eine Mission oder Berufung. Motiviert von starken inneren Werten, oft verwurzelt in religiöser Tradition, reist der Protagonist weiter und erlebt viele Rückschläge und Leid. Aber diese negativen Erfahrungen werden oft ausgeglichen durch Stärken oder Lehren, die der Protagonist auf dem Weg erwirbt. Ich fand heraus, dass viele Amerikaner dazu neigen, Erlösungs-Geschichten zu konstruieren, um sich einen Sinn im Leben zu schaffen. Man könnte sagen, diese Art von Geschichte unterstützt ein Leben, das sich für das Wohlergehen anderer aufopfert. Amerikaner lieben diese Art von Geschichten, wie viele Romane und Filme zeigen.

Wie wichtig ist dabei die interaktive Komponente? Was macht Social Media mit Geschichten?

Storytelling ist immer eine soziale Angelegenheit, ob man Tweets rausschickt oder seinen Kindern eine Geschichte vorliest. Sogar wenn man einen Roman liest, befindet man sich in einer Art von Kontakt mit dem Autor. Zeitgenössische soziale Medien beeinflussen bestimmt die Art, wie Geschichten erzählt werden, aber es kann noch kein allgemeiner Effekt benannt werden. Es kann sein, dass viele junge Leute kürzere und fragmentierte Erzählungen bevorzugen oder so viele Geschichten wie möglich in einer kurzen Zeit erleben möchten, zum Beispiel durch Multitasking. Aber ich kann noch nicht sagen, was das langfristig bedeutet.

Sind gute Geschichtenerzähler erfolgreicher in der Gesellschaft?

Ja, natürlich. Storytelling ist wichtig für viele Herausforderungen in der Gesellschaft – wie einen Partner zu finden, Freundschaften und Kollaborationen zu knüpfen, Macht und Einfluss zu erlangen. Politiker müssen gute Geschichtenerzähler sein – mit allen Vor- und Nachteilen.

lg

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