Usability-Experte Eric Reiss macht Websites nutzbar

Auf dem „UX Camp“ 2013 ist Eric Reiss‘ Vortrag das Highlight für die User Experience-Gemeinde. Seine Usability-Tipps, verpackt in mitreißenden Reden, erweisen sich meist als goldrichtig.

Was ist Usable Usability?
Die 10 Top-Tipps des Digital-Experten Eric Reiss

Mit seinem Buch „Usable Usability“ will der UX-Experte Eric Reiss Usability von seinen akademischen Wurzeln befreien. Er zeigt darin auf, welche Strategien online wirken und welche Fragen sich Firmen stellen müssen, um ihre Webseiten nicht nur nutzbar, sondern auch zu einem positiven Erlebnis zu machen.

Was ist Usable Usability? Die 10 Top-Tipps des Digital-Experten Eric Reiss

In grauer Vorzeit, da hackten die ersten Menschen mit geschliffenen Steinen auf Kokosnüssen herum. Der Jubel muss groß gewesen sein, als die saftigen Früchte schließlich ihren Inhalt preisgaben. Diese ersten Werkzeuge legten den Grundstein für alles, was wir heute benutzen: Von der Zahnbürste bis zum Smartphone. Designer auf der ganzen Welt zerbrechen sich den Kopf – was ist eine gute User Experience, was bringt Usability? Das heißt: Die Webseite, der Stuhl oder das Gadget sollen nicht nur schön sein, sondern auch praktisch. Sie sollen die metaphorische Kokosnuss knacken können. Wenn es also eine Webseite schafft, einen komplexen Vorgang in wenige Schritte herunterzubrechen, die dann auch noch für jeden Nutzer funktionieren, ist das gute Usability. Das Produkt ist nutzbar.

Eric Reiss ist laut eigener Aussage „kein Usability-Experte“. Er habe nur plötzlich gemerkt, dass er ziemlich viel über Usability wisse. Und daraufhin ein Buch geschrieben. „Usable Usability. Simple Steps for Making Stuff Better“ heißt es. Und so lakonisch der Titel, so einschneidend der Erfolg des Buches. Was nicht zuletzt am Renommee seines Autors liegt. Reiss gilt als Guru der UX-Szene. Auf dem diesjährigen UX Camp Europe platzte der Hörsaal während seines Vortrags bald aus allen Nähten. Seine präzisen Beobachtungen und profunden Erkenntnisse weiß Reiss nämlich überaus unterhaltsam zu präsentieren. (Hier eine Kostprobe aus dem Jahr 2011.)

So erzählt er vor allem von Fällen, wo es mit der Usability nicht ganz geklappt hat. Er schildert zum Beispiel seinen Versuch, online an eine amerikanische Krebsgesellschaft zu spenden. Da er in Dänemark lebt, scheiterte er schon beim Eingeben seiner Adresse: „Invalid Zip-Code“. Als er schließlich die Adresse einer Verwandten aus den USA eingab, akzeptierte das System seine Kreditkarte nicht: Die Adressen korrespondierten nicht. Warum machen es manche Seiten ihren Nutzern so schwer?

Auch wenn der Gedanke schlicht erscheint, dass ein Produkt einen praktischen Nutzwert haben sollte: „Die meisten Firmen denken gar nicht über User Experience oder User Interface nach, wenn sie ein neues Produkt auf den Markt bringen“, sagt Reiss. Das gilt vor allem für Firmen, die sich eine Webseite oder eine Facebook-Seite einrichten, nur weil sie glauben, das müsse man heute eben so machen. Doch leider ist das weltweite Web für viele Firmen tatsächlich noch Neuland und sie wundern sich, warum die Menschen ihre Webseite nicht besuchen. Sie beauftragen in der Folge so genannte Usability- oder User Experience-Experten, die ihnen zeigen, wo das Problem liegt: Oft ganz einfach darin, dass die Webseite nicht funktional ist, nicht überschaubar. Oder daran, dass direkt auf der Startseite tote Links auf eine Error 404-Seite führen.

Ein weiteres Beispiel ist der Hype um Apps. Eric Reiss zufolge sei es ein weit verbreiteter Irrtum, dass jede Firma heute eine App brauche. Unternehmen müssten sich vielmehr die Frage stellen, ob die Nutzer eine App brauchen. Ob diese Funktion ihnen überhaupt einen Mehrwert bringe. Grundsätzlich solle nämlich jedes Produkt dazu bestimmt sein, ein Problem zu lösen. Eine App als rein kosmetischer Effekt bringe keine Conversion, also aktive User, so Reiss. Und darum gehe es doch im Endeffekt.

Aber: Wie erreicht man Conversion?

„Man muss den User glücklich machen“, sagt Reiss. Die Webseite seiner FirmaFatDUX begrüßt den Besucher dementsprechend mit drei freundlichen Quietsche-Entchen auf der Startseite.

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Hinter Usability steckt nämlich nicht in geringem Maße Psychologie. Reiss wendet bei der Beratung seiner Kunden auch klassische psychologische und neurologische Erkenntnisse an. Von der Farbenlehre bis zum Eye-Tracking. Grüne Buttons werden zum Beispiel seltener geklickt als rote. Das Gehirn reagiert auf ein Blut-Gefahr-Aufmerksamkeits-Signal eher als auf die Losgehen-Ampel-Metapher.

Den aktuellen Trend zum Responsive Design sieht er kritisch: „Wir machen uns die ganze Zeit Gedanken um das verdammte Gerät und nicht um die Menschen, die es benutzen. Ich will ein responsives Design, dass auf meine Bedürfnisse eingeht und nicht auf die Bedürfnisse desjenigen, der ein Objekt hinzufügen möchte“. Seine Vision nennt Eric Reiss „Anticipatory Design“, also „vorausschauendes Design“. Geolocation und das Amazon-Vorschlagssytem seien ein Anfang, doch diese werfen wiederum Privatsphäre-Probleme auf. Es habe zwar viele Ideen, sehe sich aber nicht als Guru, sagt Reiss: „Nichts, was ich sage, ist richtig. Es ist einfach die Meinung eines Menschen.“ Unbestreitbar sind die Aussagen des Alpha-Designers richtungsweisend für die Branche. Denn Usability ist nicht subjektiv. Was praktisch, zielführend, nutzbar ist, kann schon durch logischen Menschenverstand erfasst werden. Wenn man ihn denn einsetzt.

Die 10 Top-Tipps von Eric Reiss:

  1. Wir sind alle Pioniere in dieser Industrie.
  2. Es gibt keine Experten in diesem Bereich.
  3. Usability gilt für alle möglichen Dinge.
  4. Wenn Content der König ist, muss Kontext das Königreich sein.
  5. Der Bruch existiert auch online (aber wir müssen nicht wissen, wo genau er ist).
  6. Beantworte Fragen, die Menschen haben könnten.
  7. Lade den User ein.
  8. Welches Problem willst du lösen?
  9. Du brauchst immer eine Vorab-Recherche.
  10. Die Meinung, die zählt, ist die der aktiven User.

Usability

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