Reportage aus der Burn-out-Reha: „Mein Hauptproblem ist es, Aufgaben zu delegieren.“

Wenn es einfach nicht mehr geht: Dietrich Horn überarbeitet sich als Chef einer KFZ-Reparaturfirma täglich. Erst als er mehrfach in Ohnmacht fällt, hört er auf seine Frau und begibt sich in die Reha.

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Bildcredit: VIKTOR HANACEK

Burn-out: Bogenschießen als Vorbild

In der Reha lernen Burn-out-Patienten, im Alltag ein neues Ziel zu finden und loszulassen. Die Heilungschancen seien gut, sagt der Therapeut: Nur ein Drittel der Betroffenen bleibt chronisch krank.

Anreisetag. Die Neuankömmlinge haben sich im Vortragsraum versammelt, blicken gespannt in ihre Zukunft, die vier- bis sechswöchige Reha in der Heinrich-Heine-Klinik in Neu Fahrland bei Potsdam. Die meisten, die hier sitzen, leiden unter Depressionen, manche sind auch wegen Angststörungen hier, andere haben sich schlicht überarbeitet. Das aufgeregte Tuscheln verstummt schlagartig, als aus rund 30 Kehlen erklingt: „Schau, was kommt von draußen rein? Neue Gäste, das ist fein!“ Angeführt von einem älteren Herrn am Akkordeon versammeln sich die „Bewohner“ der Klinik, die schon länger hier sind, vor den Neuangekommenen und führen vor, was sie im Patientenchor gelernt haben.

Diese Begrüßungszeremonie wird in der Klinik seit über 50 Jahren veranstaltet, bei den neuen Patienten kullert die eine oder andere Träne. „Das ist immer sehr berührend für alle Beteiligten, auch für mich“, sagt Martin Lotze, ärztlicher Leiter der Psychosomatischen Abteilung. Viele Hoffnungen hängen an dieser Reha: auf eine neu gewonnene Lebensfreude, die Überwindung alter Ängste und auf wirksame Bewältigungsstrategien.

Diagnose: Burn-out

Auch Dietrich Horn (Name geändert) saß mal hier in den Reihen der Neuen, bei seiner ersten Aufnahme in die Rehaklinik im Jahr 2008. Der 55-Jährige mit dem grauen Schnauzbart und der Brille litt an den klassischen Burn-out-Symptomen: Schlaf- und Antriebslosigkeit. Er war sogar einige Male in Ohnmacht gefallen.

Seine Frau hatte ihn damals drängen müssen, zum Arzt zu gehen. Und der diagnostizierte das Burn-out-Syndrom, tiefe Erschöpfung durch zu viel Arbeit. Man verschrieb ihm verschiedene Antidepressiva, denn Burn-out ist eine Form der Depression. Doch bei Dietrich Horn brachten diese nicht wirklich eine Besserung. Man riet ihm zu einem Aufenthalt in einem spezialisierten Rehazentrum. Horn wählte die Heinrich-Heine-Klinik in Potsdam – der relativen Nähe zu seinem Wohnort Dresden wegen: Sie sollte weit genug entfernt sein, um auch räumlich Abstand zu seiner Firma zu gewinnen, doch nah genug, damit die Frau mal zu Besuch kommen könne.

Die Angst, den Tagesablauf nicht zu schaffen

Jetzt ist Dietrich Horn zum zweiten Mal hier. Er spricht mit leiser Stimme, manchmal lächelt er ein wenig hilflos, wenn er von seinem alten Leben erzählt: „Ich fühlte mich richtig schlecht. Man geht zur Arbeit mit der Angst, den Tagesablauf nicht zu schaffen, vieles zu vergessen, aus dem Rhythmus zu kommen.“ Und dieser Tagesablauf hatte es in sich: Horn wachte gegen drei, vier Uhr morgens auf, der erste Griff ging zum Handy, um sich die neuen Mails der Firma durchzulesen. Um halb sieben fuhr er zur Arbeit, auf dem Weg holte er Brötchen für seine Belegschaft, „weil der Bäcker ja auf dem Weg liegt“.

Ein gemeinsames Frühstück war dann allerdings nie drin, denn der Chef und Inhaber hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in allen sieben Dependenzen seiner KFZ-Reparatur-Firma in Sachsen täglich nach dem Rechten zu sehen. Er fuhr oft mit dem Schlepplaster dorthin, um gleich noch ein paar Autos zu transportieren.

Sein Arbeitstag endete gegen neun, zehn Uhr abends. Auch samstags arbeitet Horn, sonntags kümmert er sich als Schatzmeister um die Organisation seines Schützenvereins, er nennt das: „abschalten“. Achselzuckend versucht er zu erklären: „Mein Hauptproblem ist es, Aufgaben zu delegieren.“

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Sein Zimmer in der Klinik bietet einen schönen Blick auf den Krampnitzsee. Die Nähe zur Natur genießt der Familienvater in vollen Zügen. Am Kleiderhaken neben der Tür hängt eine Allwetterjacke, auf dem Schreibtisch liegt eine Fahrradkarte. Er hat sein eigenes Rad mitgebracht, damit erkundet er das Potsdamer Umland und tankt dabei neue Kraft. Seit einer Woche ist er nun zum zweiten Mal in der Reha in Neu Fahrland, dieselben Symptome wie beim ersten Mal 2008. Die Schachtel Medikamente auf dem Tisch sind Antidepressiva, die er seit seinem ersten Zusammenbruch nimmt. Lieber fährt er allerdings Rad, als sich Glücklichmacher einzuwerfen.

Gesprächstherapie und Antidepressiva

„Sport hat bei depressiven Patienten einen ähnlichen Effekt wie Antidepressiva, die körperliche Bewegung produziert Glückshormone“, erklärt Martin Lotze, der ärztliche Leiter der Psychosomatik in der Rehaklinik. Doch ganz auf die Arzneimittel verzichten kann man in der Behandlung nicht: „Die Medikamente machen erst die Psychotherapie möglich, und die Psychotherapie dann das Absetzen der Mittel.“

Der überarbeitete Geschäftsmann feilt in der Gesprächstherapie an neuen Methoden, seinen Alltag stressfreier zu gestalten. Im Schwimmbad mit Seeblick lässt er sich treiben, und in der Wirbelsäulengymnastik lockert er die verspannten Muskeln. Viele Betroffene leiden neben der psychischen Erkrankung auch unter Rücken- oder Nackenschmerzen. Deshalb gehören Ergo- und Physiotherapie mit zum Rehaprogramm.

In der Heinrich-Heine-Klinik können die Patienten sogar Bogenschießen. Der ausgefallene Sport ist bewusst gewählt, denn dabei lernt man Zielen und Loslassen. Auch im Alltag sollen die Kranken loslassen können und ein Ziel finden, für das es sich zu leben lohnt. Zu 70 Prozent werden hier in der Einrichtung Depressionen behandelt, dazu zählt auch Burn-out.

Depressive haben gelernt, ihre Stimmung wegzulächeln

Die übrigen 30 Prozent der Klinikbewohner leiden unter Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen. Sie sind 30 bis 55 Jahre alt, ein Lebensabschnitt, in dem beruflich wie privat viel gefordert ist. Einige haben schon mal an Suizid gedacht, und obwohl es hier noch nie dazu kam, hängen vorsichtshalber Netze unter den zum Lichthof offenen Etagen der Klinik. Trotzdem macht hier keiner einen todtraurigen Eindruck. „Die Leute sehen zwar nicht so krank aus, aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Die haben gelernt, das wegzulächeln“, sagt Psychosomatik-Leiter Lotze.

Die Klinik kann mit ihrer abgeschiedenen Lage am See vielfältige Freizeitangebote leisten: Bei Bootstouren auf einem Drachenboot, Walking im Wald und auf Tret- und Ruderbooten vom eigenen Bootssteg aus schalten die Patienten vom belastenden Alltag ab. In der Tanz- und Musiktherapie geht es um das Spüren des eigenen Körpers, eine Lebendigkeit, die viele hier lange vermisst haben. Im Parkgelände um die Klinik sind überall weiße Bänke verteilt, auf denen man die Gedanken schweifen lassen kann.

Die – meist weiblichen – Rehabilitanden genießen die Ruhe in Neu Fahrland und sitzen einfach still am Wasser. Nur 20 Prozent Männer kommen in die psychosomatische Reha, das liege an der unterschiedlichen Konfliktlösungsstrategie, sagt Sven Steffes-Holländer, Oberarzt der Klinik. „Frauen haben oft das Bedürfnis, Konflikte im sozialen Kontakt zu lösen. Die männliche Strategie ist eher der Alkohol, deshalb ist in der Suchtreha das Verhältnis häufig genau umgekehrt.“

Es ist ruhig im Klinikpark, alle arbeiten innerlich an Selbstfindung und Bewältigung von belastenden Erlebnissen und Gefühlen. Bei psychischen Erkrankungen ist viel Kraft und Wille der Patienten gefragt.

Ein Drittel ist geheilt, ein Drittel bekommt einen Rückfall und bei einem Drittel bleibt die Depression chronisch

„Die Heilungschancen von Depressionen oder Burn-out sind eigentlich gut: ein Drittel der Patienten ist nach der Behandlung geheilt, ein Drittel bekommt irgendwann einen Rückfall, und bei einem Drittel nimmt die Depression einen chronischen Verlauf“, sagt Martin Lotze.

Auch Dietrich Horn schmiedet in der Gesprächstherapie Pläne, wie er sich in der Firma entlasten kann. Doch viel wichtiger ist der Abstand zu den belastenden Gedanken. Den hat er offensichtlich in Neu Fahrland gefunden. Mit leuchtenden Augen und einem erleichterten Lächeln erzählt er: „Ich habe es sogar einen Tag lang geschafft, nicht an die Arbeit zu denken. Da war ich selbst von mir überrascht.“

 

Erschienen am 29.09.2011 15:58 Uhr im Tagesspiegel

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