Reportage aus der Drogen-Reha: „Auf Crystal Meth putzte ich meine Wohnung mit einer Zahnbürste“

Seit 13 Jahren kämpft Katharina Maier gegen ihre Abhängigkeit von der Droge Crystal Meth. Verschuldet, abgemagert und depressiv versucht sie zum zweiten Mal eine Reha – im Berliner Tannenhof wird auch ihr zweijähriger Sohn betreut.

 

Stadtpiraten und Sonnenkäfer

Auch Suchtkranke haben Kinder. Einige Kliniken bieten eine Entwöhnung an, bei der der Nachwuchs mit in der Einrichtung leben kann. Während die Eltern Therapie haben, gehen die Kleinen zur Schule.

Seit 13 Jahren kämpft Katharina Maier (Name geändert) nun schon gegen ihre Sucht. „Ohne meinen Sohn hätte ich mich längst aufgegeben“, sagt sie. Heute feiert sie ihren 33. Geburtstag, in einer Drogenreha, dem Tannenhof in Lichtenrade: ohne Alkohol, dafür mit selbst gebackenem Kuchen. Zusammen mit 39 anderen Suchtkranken versucht sie hier, ihre Abhängigkeit zu besiegen. In der Lobby spielen zwei tätowierte Männer barfuß Tischtennis, draußen tragen die anderen Bewohner ein Volleyballspiel aus. Im Tannenhof leben ganze Familien, auch allein erziehende Väter, und vor allem Mütter mit ihren Kindern.

Für Katharina Maier ist es schon die zweite Reha.

Diesmal ist die dunkelblonde Frau mit ihrem zweijährigen Sohn hier, denn während der letzten Behandlung in einer Reha wurde sie schwanger. Sie dachte, sie hätte ihre Sucht schon damals überwunden. Doch der Erfolg hielt nicht lange an: Zurück im alten Umfeld erlitt sie einen Rückfall.

Katharina Maier war abhängig von dem Amphetamin Crystal Meth. Wie die meisten Nutzer zog sie sich das Pulver in die Nase, so wirkt die Droge besonders schnell. Auf Crystal fühlte sie sich stark und fit, abends brauchte sie Schlaftabletten, um zur Ruhe zu kommen. Maier putzte im Rausch ihre Wohnung mit einer Zahnbürste und sortierte Akten. „Man kann arbeiten wie verrückt, die Gedanken sind klarer und am Anfang bekommt man alles hin“, sagt sie mit sächsischem Dialekt. Doch dann häuften sich die Probleme: Schulden, Depressionen und die Kündigung brachten sie schließlich dazu, sich ihre Drogensucht einzugestehen. Zuletzt wog die 1,60 Meter große Frau nur noch 48 Kilo.

Crystal Meth führt kaum zu körperlichen Entzugserscheinungen

Der Anfang ihres langen Kampfes gegen die Sucht: zehn Entgiftungen in acht Jahren, doch jedes Mal knickte sie bei alltäglichen Problemen ein und griff wieder zur Droge. Eine Reha wollte sie lange nicht, die Dauer von einem halben Jahr schreckte sie ab, und sie fühlte sich nach jedem Entzug auch immer stark genug, um aus eigener Kraft abstinent zu bleiben. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte. Sechs Ausbildungen hat sie in dieser Zeit angefangen und wieder abgebrochen. In der Entgiftung führt Crystal, im Gegensatz zu Heroin, kaum zu körperlichen Entzugserscheinungen. Doch die Gewohnheit, schwierige Situationen mit der Droge zu lösen, lässt sich nicht so leicht loswerden.

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Dann schließlich die Rehabilitation. Die erste, erfolglose am Wannsee, nun die zweite im Tannenhof in Lichtenrade. Passenderweise hängt der Geruch von Tannennadeln über dem weitläufigen Gelände mit Fuß- und Volleyballfeld. Hinter dem grünen Eingangstor liegt das Haupthaus, ein weiß gestrichener Holz-Altbau mit großen Zimmern für Familien mit bis zu drei Kindern. Daneben, zwischen blühenden Büschen und Bäumen, ein rotes Backsteinhaus mit einem Schild über der Tür: „Kinder“. Das hier ist das Kinderhaus, in dem tagsüber die bis zu zehnjährigen Sprösslinge der Rehabilitanden versorgt werden, während ihre Eltern in der Therapie an ihren Schwachstellen arbeiten. Die Großen in der Gruppe der „Stadtpiraten“, die Kleinen sind die „Sonnenkäfer“. Immer acht der 16 Kinder werden von zwei Erziehern betreut, und auch die Eltern sind mit einbezogen. An der Wand hängt ein Stundenplan: montags Musik, dienstags Sport, mittwochs Reiten, samstags „Eltern-Kind-Aktivität“, also Erziehungskompetenztraining und Einzelgespräche.

„Die Kinder spüren die Gefahr. Aber sie haben keinen Namen dafür“

Die Kinder sind zwar noch jung, haben aber teilweise ihre Eltern beim Drogenkonsum beobachten müssen oder spüren, dass etwas mit Mutter oder Vater nicht stimmt. „Die Kinder spüren die Gefahr. Aber sie haben keinen Namen dafür“, sagt die therapeutische Leiterin des Tannenhof-Haupthauses Manuela Dewitz.

Zusammen mit den Eltern erklären die Erzieher den Kindern altersgerecht die Situation: Was sind überhaupt Drogen? Was bedeutet Abhängigkeit? Was ist mit Mama los? Unter dem schützenden Dach des Tannenhofs lernen die Kinder und ihre Eltern, mit der Sucht umzugehen und sie schließlich hinter sich zu lassen. Die Suchtkranken haben oft ein bewegtes Leben hinter sich. Trotzdem sind sie für eine Reha-Klinik recht jung: Um die Mitte 20 ist hier das Durchschnittsalter, denn schon mit 13 oder 14 Jahren begannen oft die Drogenkarrieren. Die Reha-Bewohner kommen aus der Entgiftung, die im Krankenhaus stattfindet und sieben Tage bis drei Wochen lang dauert. Die härteste Variante dabei ist der kalte Entzug, in dem die Patienten ohne die mildernde Wirkung von Medikamenten ihre Abhängigkeit überwinden. Im besten Fall schließt direkt danach die Reha an, damit die Suchtgefährdeten nicht zurück in ihr altes Umfeld müssen. Die dauert im Tannenhof ein halbes Jahr oder auch länger.

Die Rückfallquote liegt bei 50 Prozent

Eine Garantie gegen den Rückfall gibt es nicht. Etwa die Hälfte greift nach Entgiftung und Reha wieder zur Droge. Die Macht der Gewohnheit ist groß und die psychischen Wunden aus der Vergangenheit nie ganz verheilt. „Die Arbeit in der Reha ist immer nur ein Beginn“, sagt Tannenhof-Therapeutin Dewitz.

Ziel der Therapie ist, bei den Patienten überhaupt erst einmal die Einsicht zu wecken, dass sie süchtig sind. Und dann sollen sie lernen, Nein zu sagen. Dauerhaft. In der Rückfallprävention und psychotherapeutischen Gesprächen arbeiten sie daran, schwierige Situationen auch ohne Drogen bewältigen zu können.

Hinzu kommen Kreativ- und Arbeitstherapie, in der die Tannenhof-Bewohner die Erkenntnisse aus den Gruppen- und Einzelgesprächen umsetzen. Die Fähigkeit, überhaupt regelmäßig zur Arbeit zu gehen, üben die Tannenhof-Bewohner bei der Gartenarbeit. Wer am Schulabschluss scheitert, kann diesen in der Tannenhof-Schule in Neukölln nachholen.

Auch die Suchtkranken aus der Reha-Klinik „F42“ besuchen diese Schule, auch wenn mit dem ADV der Träger ein anderer ist. Denn die Schule liegt nah – nur fünf Gehminuten entfernt, wie die Tischlerei, in der die Arbeitstherapie stattfindet. Im F42 lassen sich zu über 80 Prozent Männer therapieren. Das ist typisch, denn im F42 geht es um die Entwöhnung von harten Drogen, wie Heroin. Und davon seien Frauen nicht so häufig abhängig, sagt Christian Remmert, therapeutischer Leiter vom F42.

Die Konfrontation mit der Realität ist Teil der Reha

Um zur Arbeitstherapie und Schule zu gelangen, müssen sie einen kurzen Fußweg durch Neukölln auf sich nehmen – und mit Versuchungen klarkommen. Anders als im abgelegenen Tannenhof könnten die meist Heroinabhängigen auf dem Arbeitsweg ständig einem Drogendealer über den Weg laufen. „Das ist Teil der Therapie“, sagt Remmert. „Viele brauchen die Konfrontation mit der Realität, um auch nach der Reha in der Situation gewappnet zu sein. Man muss sich den Bedrohungen stellen.“

Ein gewisses Maß an Vertrauen ist zwar gut – aber Kontrolle besser: In Sucht-Rehakliniken gehören regelmäßige Urinkontrollen zum Programm, und der Kontakt zum alten Umfeld ist tabu, deshalb müssen die Bewohner anfangs aufs Internet verzichten. Auch Ausflüge sind streng geregelt: In den ersten acht Wochen müssen sich die Suchtkranken gegenseitig begleiten. Da setzen die Therapeuten auf die Kontrolle der Gemeinschaft – schließlich sind alle hier, um clean, sauber vom Rauschgift, zu werden. Auch wenn manchmal die Reha von einem Richter als Teil der Haftstrafe verordnet wurde. Die harten Jungs kommen teilweise aus der Beschaffungskriminalität. Bei einer Freiheitsstrafe kann dann die Reha als „Therapie statt Strafe“ beantragt werden, so müssen die Suchtkranken weniger Zeit im Gefängnis absitzen.

Weniger Testosteron, dafür mehr Kindergeschrei, das ist die Besonderheit des Tannenhofs. Die Therapie tut Katharina Maier und dem blonden, blauäugigen Sohnemann sichtlich gut: „Der Kleine hat sich hier super entwickelt, und ich kann ihm jetzt viel mehr Liebe geben, das war vorher in meinem Zustand nicht so möglich.“ Nach der Reha plant sie, sich weiter ambulant psychotherapeutisch behandeln zu lassen. Sie sei bereit für ein Leben ohne Drogen, sagt sie bestimmt.

 

Erschienen am 29.09.2011 15:56 Uhr im Tagesspiegel

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