Arschtritt ins Abenteuer – Wie ich eine Woche lang alles mitmachte und zu mir selbst fand

Berlin ist die Stadt der Möglichkeiten – und der Angst, etwas zu verpassen. FOMO, Fear of Missing Out, nennt sich das Phänomen. Was passiert, wenn man eine Woche lang alles mitmacht? #NOFOMO: Raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer. Anfangs bereue ich den Selbstversuch noch und ahne nicht, wohin mich das Experiment führen sollte.

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Eine Woche lang alles mitmachen, wozu man eingeladen wird: Der Stoff, aus dem Stubenhocker-Albträume sind. Meine übliche Partypräsenz endet meist mit polnischen Abgängen zu Frühaufsteher-freundlichen Zeiten. Richtig repräsentativ bin ich damit nicht – meine Generation hat sogar einen Ausdruck für ihre Angst, etwas zu verpassen, erfunden: FOMO (Fear of Missing Out). Berlin scheint die perfekte Brutstätte für ruhelose Millenials, permanent auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Aber wäre man wirklich glücklicher, erfüllter, reicher an guten Geschichten, wenn man all das erleben würde, was Berlin bietet? Eine Woche #NOFOMO: Raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer. Anfangs bereue ich den Selbstversuch noch und ahne nicht, wohin mich das Experiment führen sollte.

 

Montag, Festival of Lights:

Vom Potsdamer Platz bis zum Fernsehturm soll ich heute spazieren. Orte, an denen ich normalerweise nicht freiwillig die U-Bahn verlasse, locken während des Festival of Lights selbst meine Berliner Freunde an Touristen-Attraktionen.
Auf den eigentlich breiten Bürgersteigen bahnen sich Rentner, Pärchen und Rentnerpärchen wie wattierte Bauklötze in Daunenjacken tetrisartig ihren Weg durch die vorbeiziehenden Herden aus Schulklassen. Die illuminierten Glotz-Spots werden von Straßenmusikern und Feuerkünstlern bespielt, an der Desigual-esk beleuchteten Humboldt Uni stellt eine Schulklasse ihre Beatles-Textfestigkeit zur Schau und trällert spontan im Takt klatschend „Let it Be“. Friedlich frieren sich Touristen wie Stativ-schleppende Fotografengruppen von Attraktion zu Attraktion und bannen das Lichtspektakel auf wehrlose SD-Karten. Ich verfalle fast in vorweihnachtlich-besinnliche Stimmung und verabschiede mich an diesem ersten #NOFOMO-Abend mit der Erkenntnis: Man muss die Dinge einfach manchmal im richtigen Licht sehen.

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Dienstag, Yoga im Alexa:

In der obersten Etage des Einkaufszentrums am Alex soll ich eine Freundin beim Yoga begleiten. Das 24-Stunden-Fitnessstudio wirkt eher wie eine Lagerhalle für Sportgeräte und die Pumper wie Statisten aus Jersey Shore. Kurz nach 20 Uhr öffnen sich die Tore zur Halle im hintersten Teil der Sportstätte, eine Menschenmasse ergießt sich auf die orangen Flure, strömt in die Umkleidekabinen. Ich bin Teil der Gegenbewegung, betrete den übergroßen Kursraum mit gefühlt hunderten anderen Sportwilligen und ergattere eine der für Yoga zu kurzen Trainingsmatten. Im froschgrünen Dämmerlicht turnen wir unserer Trainerin nach, die über ein Mikrofon von einer Bühne herunter auf Englisch zu den Yoginis spricht. An der Wand hinter ihr drehen sich projizierte grüne Art-Attack-Gedächtniskleckse und Yoga-Gedudel rauscht durch den Raum. „Feel your inner body“ rät die Trainerin in akzentfreiem Denglisch und regt uns 90 Minuten lang zu akrobatischen Drehungen an. Spätestens am nächsten Tag spüre ich meinen Körper von innen deutlich.

Bin ich einfach nur alt geworden oder lähmen die unendlichen Möglichkeiten feierwillige Millenials?

 

Mittwoch, Reisetag:

Heute jette ich für einen Termin nach Frankfurt, klar: Business, dies/das. Meine aufkeimende FOMO begleitet mich auch auf dem Rückweg in die heimatliche Hauptstadt. Beim Anflug betrachte ich das Berliner Lichtermeer und denke: Was wohl hinter all diesen erleuchteten Fenstern passiert? Überall Geschichten, Menschen, Erlebnisse. Besucher kommen nach Berlin, um all das zu entdecken. Ich dagegen verbringe meine Abende inzwischen lieber im Bett statt im Berghain. Bin ich einfach nur alt geworden oder lähmen die unendlichen Möglichkeiten feierwillige Millenials? Meine Theorie: Der Arbeitsalltag macht das Abenteuer kaputt. Während meines Studiums rotzte ich noch bekifft im Park die Hausarbeiten in den Laptop. Jetzt ist das nicht mehr so einfach. Gepflegte Eskalation zum Feierabend geht nur so semi-optimal mit Businesstermin und dies/das.

 

Donnerstag, Berliner Eckkneipe:

Spätestens Donnerstag beginnt in Berlin das Wochenende. Ein Kollege lädt zum Abschieds-Umtrunk in eine mit Fußballschals behängte Friedrichshainer Eckkneipe und eine durstige Meute aus Berliner Werbeagentur-Hipstern flutet die kleine Kneipe. Fremde Gesichter sitzen mir gegenüber am Holztisch, ich befürchte einen Abend voller seltsamem Smalltalk. Als die erste Kollegin geht, widerstehe ich nur knapp dem Drang, mich ihr anzuschließen. Doch das Bier ist billig, nach einer Stunde sind Wein und Bockwurst ausverkauft. Bardame Inge kommt mit dem Zapfen nicht nach, bis sich ein beherzter Stammgast mit ausgeblichenem Tribal-Tattoo auf dem Oberarm ein Tablett schnappt und aushilft. Irgendwoher kommt eine Flasche Pfeffi, die gemeinschaftlich geleert wird. Wir spielen Dart mit krummen Plastikpfeilen. Ein verirrter Tourist schläft am Tresen. Ich initiiere mutwillig seltsamen Smalltalk und bleibe dann doch bis fast zum Schluss. In einem hellen Moment stifte ich eine Kollegin an, sich mit mir ein Taxi zu teilen und wir rauschen zurück nach Kreuzberg. Zuhause taue ich mir etwas undefinierbares Eingefrorenes auf. Die Kater-Prophylaxe rettet mich durch den folgenden Arbeitstag. Als hätte ich das schon mal gemacht.

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Freitag, Drag Queens in Friedrichshain:

Kollegen in Katerstimmung verabschieden sich in einen gemütlichen Couch-Abend. Ich raffe meine restliche Energie für die versprochene #NOFOMO-Challenge auf und beschließe, mich einfach von einem Freund durch die Nacht zerren zu lassen.

Stilecht beginnt der Abend in seiner WG-Küche mit Wein, Weed (-Cookies) und Britney. Er nimmt mich mit in seine Stammkneipe, wo heute das „Ru Pauls Drag Race Allstars“-Finale übertragen wird. Dazu soll ich Zöpfe wie aus Britneys Frühzeit tragen, mein Freund leiht sich meinen Lippenstift. Ich ahne noch nicht wirklich, worauf ich mich eingelassen habe. Auf dem Weg zur Bar besorgen wir uns eine Pizza im hetero-normativsten Imbiss der Warschauer Straße und überqueren den Boxhagener Platz, wo in den anderen Kiezkneipen irgendein Fußballspiel läuft. Unserem TV-Ereignis wird ähnlich gespannt entgegengefiebert. „It’s like the Superbowl of Drag“, erklärt mein kalifornischer Begleiter und öffnet die Tür zu seiner zweiten Heimat. Eine Latina mit schwarzer Perücke und goldenen Creolen drückt mir mit einem Luftkuss das bestellte Bier in die Hand, leicht entrückt suche ich mir einen Platz in der erwartungsvollen Menge. Während die Mutter aller Drag Queens, Ru Paul, auf der Leinwand ihre bis zur Perfektion überschminkten Kandidatinnen vorstellt merke ich, wie der Space Cookie zu wirken beginnt.

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Ich halte mich an meinem Bier fest, während grell gestylte Drag Queens in Vegas-würdigen Showeinlagen das Friedrichshainer Publikum in Wallung bringen. Mir wird klar: Ich bin zu stoned für diesen Shit. Nachdem die neue Queen of Drag gekürt wurde, geht es erst richtig los. Mein Begleiter schmeißt sich in rote Glitzerpumps und waghalsige Posen zu Britney-Songs. Die Barkeeperin in Drag tanzt auf dem Tresen, ich bekomme wahllos zusammengestellte Shots verabreicht. Längst hält mich nur noch der eiserne Wille wach, für meine Mission folge ich einem weiteren Freund in einen Kellerclub, wo ich dann aber nur noch völlig erschöpft einschlafe.

Hier ereilen mich Gewissensbisse: Ich muss weiter machen, mehr erleben, in den nächsten Club, die nächste Bar, das nächste Abenteuer. Was verpasse ich, wenn ich jetzt nach Hause gehe? Mein akuter Anfall von FOMO legt sich erst, als ich am nächsten Tag die Nachricht meines Freundes lese: Statt wie geplant im Berghain endete sein Abend auf irgendeinem Fußboden, wo ihn ebenfalls einfach Müdigkeit von weiteren Eskapaden abhielt.

Jede Entscheidung ist gleichzeitig die Absage an mindestens eine andere Version des Abends.

 

Überhaupt beginne ich im Halbschlaf an eine Kellerwand gelehnt der Sache auf den Grund zu gehen: Es braucht schon einen inneren Eventmanager, um alle Veranstaltungen zu koordinieren. Obendrein droht der Horror, sich aufgrund irgendwelcher Parameter für oder gegen Einladungen zu entscheiden. Jede Entscheidung ist gleichzeitig die Absage an mindestens eine andere Version des Abends. Egal was ich tue, ich verpasse immer etwas. So lange durch die Nacht zu tingeln, bis man irgendwo einschläft, kann ja nicht der Sinn der Sache sein. Die Frage ist doch: Was erfüllt uns, macht uns glücklich, lenkt uns ab oder bringt uns näher zu uns selbst? Und auf der anderen Seite: Wo liegt meine Grenze, jetzt an diesem Abend? Wir haben doch nur die Gegenwart. Egal wie wir uns entscheiden, wir können nur eine Version dieses Abends erleben. Berlin bietet einfach zu viel für ein einziges Leben.

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Samstag, what’s happening?

Gerade einigermaßen rehabilitiert, trete ich tapfer meinen letzten Abend #NOFOMO an. Ich bin auf die Vernissage eines mexikanischen Künstlers eingeladen, natürlich auf der Torstraße. Als wir ankommen, begrüßt uns ein Mann im schwarzen Rollkragenpullover mit Baskenmütze: „Wir haben jetzt ein Happening. Wollt ihr ein Glas Sekt?“ Ich setze auf das Konter-Getränk und mich in eine Ecke zwischen kunstinteressierte Mitte-Menschen.

Längliche Papierbahnen mit Tintenstreifen hängen wie ein Triptychon in der Mitte des Raumes, davor stehen Kerzen im Halbkreis, mystische Musik wabert durch die Lautsprecher. Fast unmerklich tröpfelt der Künstler von hinten Tinte auf das Papier, eine halbe Stunde lang starre ich durch Kerzenlicht auf schwarze Streifen, bis alles verschwimmt. Vorsichtig schaue ich mich um, die Galerie ist gut gefüllt mit andächtig beobachtenden Kunstfreunden. Irgendwie erwarte ich, dass doch noch ein Lucha Libre hinter den Papierbahnen hervorspringt und eine Pinata zerschlägt, aber geschlagene 30 Minuten passiert genau: nichts. Und ich frage mich leise: What’s happening?

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Leicht verstört stolpern wir vom Rosenthaler- zum Hermannplatz, mein Begleiter kennt sich als langjähriger Berghain-Blogger bestens aus, wenn es ums Feiern geht. Ich fühle mich wie ein Ersti im Einführungskurs und berichte von meinen bisherigen Erkenntnissen. Wir sind uns einig: Man kann nicht alles mitmachen und muss den Moment nehmen, wie er kommt. Vor einer Woche noch wäre ich dankend in die U-Bahn gestiegen und hätte den Abend mit einem guten Gespräch und homöopatischen Bierdosen als gelungen erklärt. Aber irgendwie zieht es mich weiter. Zum ersten Mal in dieser Woche entscheide ich mich bewusst und begeistert für einen morgendlichen Clubbesuch. Wir steigen in einen Neuköllner Keller, ich gebe mein Handy zusammen mit dem Alltag an der Garderobe ab. Jetzt einfach nur völlig übermüdet vom Bass treiben lassen. Wir tanzen, bis uns ein plötzlicher Pommeshunger überfällt. Zufrieden und erschöpft steigen wir schließlich in die U-Bahn. Eigentlich ein klassischer Berlin-Abend, der genauso gut niemals enden könnte. Mir wird klar: Ich habe mich eingegroovt – #NOFOMO hat meinen Partymuskel trainiert.

 In diesem Cirque du Soleil für gelangweilte Großstädter fühle ich mich ein bisschen wie ein entlaufenes Zirkuspony.

 

Sonntag, Anti Gravity Yoga:

Inzwischen würde es mich nicht mehr wundern, wenn RTL2 den Trödeltrupp bei mir vorbei schickt. In meiner völlig zugemüllten Wohnung schaffe ich es seit einer Woche maximal von Bett zu Dusche zu Wohnungstür und zurück, in der Küche stapeln sich Kaffeetassen.

Am letzten Tag meiner #NOFOMO-Woche bin ich bei einem Fitnessstudio zum Probetraining eingeladen. Ausgerechnet das Anti Gravity Yoga soll die Sporteinheit sein, die mich nach drei Tagen Feierei kopfüber an Bändern in Yogaposen hängen lässt. Zu Beginn der Kursstunde warnt die Trainerin noch, dass man hierfür möglichst nicht frisch gebotoxt sein solle. Ich schaue mich im Kursraum um, die Gefahr besteht. In den folgenden 70 Minuten hängen wir mottenartig in Tüchern ab, wickeln uns ein und aus, stehen Kopf und strecken uns von der Peanut in den Spider Man. In diesem Cirque du Soleil für gelangweilte Großstädter fühle ich mich ein bisschen wie ein entlaufenes Zirkuspony. Endlich zurück auf festem Boden beglückwünsche ich mich selbst, die Frühstücksbrezel bei mir behalten zu haben. Endlich kann ich da hin zurückkehren, wo ich mich seit einer Woche hinwünsche: Auf meine Couch.

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Zugegeben – in dieser Woche habe ich mehr erlebt als mir meine Couch hätte bieten können. Einige Male musste ich dem Drang nach einem Polnischen Abgang widerstehen und habe dann doch durchgehalten. Die Erkenntnis: Wer immer alles mitmacht, lebt höchstwahrscheinlich ziemlich ungesund, hat aber sicherlich ein paar ganz gute Geschichten zu erzählen. Berlin braucht die freidenkenden Freaks, die sich kreuz und quer durch die Stadt eskalieren. Nirgendwo gehören Verrückte so zum Spirit der Stadt. Sie reizen für uns die Grenzen aus, damit wir Vollzeit-Spießer mit einem Joint entspannt über die Oranienstraße flanieren können. Und sie machen die Party so sehr zum Alltag, dass man auch mal entspannt eine verpassen kann.

Meine #NOFOMO-Challenge ist vorbei. Eigentlich könnte ich mich jetzt auf die Couch verkrümeln, doch trotz durchzechtem Wochenende und starkem Sofabedürfnis finde ich mich Montagabend zu meiner eigenen Überraschung in einer verrauchten Karaoke-Kabine wieder. Manchmal brauchen wir einfach einen inneren Arschtritt ins Abenteuer.

Lisa Geiger

 

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Text erschienen in ZITTY – Das Wochenmagazin für Berlin, Heft 43/ 2016 am 27.10.2016

Fotocredits: Lisa Geiger

 

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